Die Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967

Jörg Prante

Zum Jahrestag der Ermordung von Benno Ohnesorg wollen wir mit diesem Beitrag, der 1997 erschienen ist, an den Menschen Benno Ohnesorg und diesen wichtigen Abschnitt der Geschichte der radikalen Linken erinnern. Auch wenn der Beitrag neuere Erkenntnisse, wie die Tätigkeit des Todesschützen für das MfS, nicht berücksichtigt, spiegelt er das Klima in Westberlin in dieser Zeit gut wieder und nimmt eine politische Einordnung der Geschehnisse am 2. Juni 1967 vor. Sunzi Bingfa

Vorwort

Am 2. Juni 1967 wurde in Berlin ein Student von einem deutschen Polizisten erschossen. Karl-Heinz Kurras, 39 Jahre alt, aus der Abteilung I (Politische Polizei) tötete Benno Ohnesorg, 26 Jahre alt, Student der Romanistik, Pazifist und Mitglied der Evangelischen StudentInnengemeinde, bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien. Benno Ohnesorg hatte das erste Mal in seinem Leben an einer Demonstration teilgenommen. Der Tag wurde zum historischen Datum. An diesem Tag trat eine „kleine radikale Minderheit“ von Studierenden, die Jahre später so getauften 68er, bundesweit als oppositioneller Faktor in Erscheinung. Die genauen Vorgänge um die Erschießung Benno Ohnesorgs hatte Wochen und Monate später erst ein studentischer Ermittlungsausschuß ermitteln können.

Der Todesschuß des Beamten der Politischen Polizei war keine zufällige Entgleisung eines schießwütigen Psychopathen, sondern Resultat eines kalkulierten Risikos gewesen, das der Senat und die Polizeiführung eingegangen sind. Die ganze Strategie der Verdrehung, der Verbreitung von Halbwahrheiten, Vertuschungen und Lügen, die Regierung, Polizei, Justiz und Presse zusammen verfolgten, offenbarte sich. Doch die schrittweise und mühsame Wahrheitsfindung änderte nicht viel daran, daß sich dank der Agitation durch die Presse die breite Öffentlichkeit der BRD nach wie vor gegen die StudentInnenbewegung wandte. Die Hetze gipfelte in dem Anschlag des von der Presse aufgestachelten 24jährigen Anstreichers Josef Bachmann auf Rudi Dutschke am 11. April 1968.

Die schwierigen Bedingungen, unter denen die StudentInnen damals selbständig und unabhängig Politik machten und dabei die bundesdeutsche Gesellschaft auf Jahrzehnte verändern sollten, können wir heute rückblickend aus einiger Distanz beurteilen, aber kaum richtig nachvollziehen. Um so notwendiger erscheint uns heute, 30 Jahre danach, die Veröffentlichung dieser Dokumentation. Denn heute scheint es leicht, die Ereignisse des 2. Juni und der folgenden Tage herauszuheben und zu glorifizieren. Schwerer fällt hingegen die politische Analyse. Wir wollen durch diese Veröffentlichung, die zum größten Teil auf der in Genauigkeit unübertroffenen Darstellung des studentischen Ermittlungsausschusses basiert, einen Beitrag dazu leisten.

Es ist so viel über den Tod Benno Ohnesorgs und die Unruhen, die ihm folgten, geschrieben worden, daß leicht der Eindruck ensteht, dieser Moment habe entscheidend die Revolte geprägt. Der Augenblick hatte aber eine gewisse Beliebigkeit. Das Zufallsgespräch am Tresen einen Abend zuvor belegt das. Alles hätte schon Monate vorher oder nachher – oder auch gar nicht – passieren können. Schon seit Ende 1966 konnte die Brutalität der Polizeieinsätze und das Ausmaß der öffentlichen Hetze gegen die kleine kritische Minderheit der Studierenden tödlich sein. Diese Folge der heute kaum noch vorstellbaren ideologischen Schärfe des Kalten Kriegs in der „Frontstadt“ Berlin und das Empfinden der Akteure auf Seiten der Polizei, der Regierung, der Presse und der Studierenden wollen wir versuchen nachzuzeichnen. Das Mißtrauen gegenüber einer Presse, die, anstatt aufzuklären, Pogromstimmung schürte, und das Mißtrauen gegenüber einer Regierung und einer Polizei, die sich gegenseitig in ihrem Fehlverhalten ermutigten und rechtfertigten, führte dazu, daß Berliner Studierende am 3. Juni 1967 in der Freien Universität einen Untersuchungsausschuß gründeten. Er sollte die staatlichen Organe zur Aufklärung des Polizeieinsatzes am 2. Juni zwingen und zugleich die Mittel öffentlicher Kontrolle an die Hand geben. Die Studierenden sammelten unermüdlich Augenzeugenberichte, Fotografien, gingen auf die Straßen, befragten Passanten und protokollierten Diskussionen, gingen in die Gerichtssäle, um die Reaktionen der Justiz zu beobachten und verfolgten die Verhandlungen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses. 650 schriftliche Berichte, 100 Tonbandaussagen, ca. 600 Fotografien und dazugehörige Identifizierungslisten, Tonband- und Filmmaterial, Ausbildungs- und Dienstvorschriften sowie Polizeiveröffentlichungen, Einsatzbefehle, Verlaufsberichte, Verhandlungsmitschriften, Urteile und Urteilsbegründungen, Presseartikelsammlungen und Protokolle des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses sind auf diese Weise zusammengetragen worden. Der Polizeieinsatz vor der Oper konnte durch Modelle des Opernvorplatzes, durch Fotos und Filmaufnahmen und Zeugenbebachtungen genau rekonstruiert werden.

Zu oft wird der 68er-Glanz, gerade von unserer Elterngeneration, medienträchtig verherrlicht und bejubelt. Und man gedenkt gern einem Happening, das unheimlich frech, witzig, bunt, originell, sexy etc., aber offenbar kaum politisch gewesen sein soll. In den 68ern befanden sich in Wirklichkeit vor allem politische, aber unterschiedliche Gestalten wie Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, oder Daniel Cohn-Bendit. Mit Rudi Dutschke, mit seinen tiefgreifenden Analysen und Ideen will die heutige StudentInnengeneration nichts mehr zu tun haben. Viele wollen verdrängen, worum es der StudentInnenbewegung damals ging. Heute wissen die StudentInnen: Wer heute mit dem 68er-Mythos spazierengeht, will davon meist auf simple Art profitieren und die damaligen Ereignisse für seine eigenen Interessen gnadenlos verwerten. In diesem Sinne wollen wir den heute zumeist hochdotierten und etablierten Alt-68erInnen nicht erlauben, sich die Vergangenheit so platt zusammenzubiegen, wie es ihrer heutigen Sichtweise entsprechen mag, indem wir ihnen unsere Dokumentation entgegensetzen. Die 68er-StudentInnenbewegung ist Geschichte, sie ist Geschichte der außerparlamentarischen Opposition in der BRD, und sie ist unsere Geschichte.

Was können wir den Ereignissen aus dieser Zeit, in der „alles möglich schien“, für die Gegenwart der Berliner Republik abgewinnen? Schnell können sich die Zeiten wieder ändern. Gerade vor dem Hintergrund des aktuellen offensiven rechts-konservativen Klimas, neoliberaler Globalisierung, der Massenarbeitslosigkeit, des Sozialabbaus, des verdeckten und institutionalisierten Rassismus, der Atomtransporte und neuer deutscher Träume von Bundeswehr-Kriegseinsätzen wollen wir nicht vergessen, daß die herrschenden politischen Kräfte immer die reale Möglichkeit haben, unvermittelt und mit brutaler Gewalt gegen unliebsame gesellschaftliche Gruppen vorzugehen. Das müssen nicht immer die Studierenden sein, und es müssen nicht immer Knüppel sein. „Es gibt keine Sicherheit für die Zukunft, daß wir nicht scheitern. Aber wenn die freie Gesellschaft sehr unwahrscheinlich ist, bedarf es umso größerer Anstrengungen, die historische Möglichkeit zu verwirklichen, ohne die Sicherheit zu haben, daß es wirklich gelingen wird. Es hängt vom Willen der Menschen ab, daß sie es schaffen und wenn wir es nicht schaffen, dann haben wir eine historische Periode verloren“, sagte Rudi Dutschke damals. Heute gilt es, genau so zu denken, gerade weil die Verhältnisse in Deutschland nach fast 15 Jahren Kohl-Ära, der längsten Kanzlerschaft der BRD, versteinerter denn je erscheinen und der reaktionäre Wind den politisch und emanzipatorisch denkenden Menschen so scharf ins Gesicht bläst.

Zur Vorgeschichte des 2. Juni

Der Konflikt zwischen Studierenden und Gesellschaft entwickelte sich in Berlin vom Inneren der Freien Universität nach außen, wurde vom Kampf um die Hochschulreform zur Auseinandersetzung um die Verhältnisse in der Gesellschaft und um die Zukunft des politischen Systems. Als nicht vollständig abhängige und integrierte gesellschaftliche Gruppe ergriffen die Studierenden das politische Mandat, überwanden zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik die ständischen Interessenkonflikte und unterzogen das politische System einer umfassenden Kritik. Im gleichen Maße, wie nach dem Ende der Wiederaufbau- und Restaurationsphase der BRD die Grundlagen dieses Systems angezweifelt wurden, wuchs die Kritik dieses Systems am politischen Mandat der Studierenden. Die rein formale Frage nach dem politischen Mandat durfte aber nicht von der Sache, nämlich der Auseinandersetzung mit bestimmten gesellschaftlichen Themen, ablenken. In Berlin verdankte die Freie Universität (FU), von den Alliierten 1946 gegründet, ihr Dasein als Gegenkonzept zur Forschung und Lehre unter kommunistischem Vorzeichen einem selbsterteiltem politischen Mandat. Politisches Engagement war willkommen, solange es mit dem herrschenden System konform ging.

Die Konflikte um Studienreform und Zwangsexmatrikulation verlagerten sich 1966 von der Universität in die Stadt, vom Diskutieren ins Demonstrieren. Der Rektor antwortete auf die Anliegen der Studierenden mit Disziplinarverfahren und drohte mit Relegationen. Neue Methoden der Regelüberschreitung wurden daraufhin von den Studierenden erprobt, aber auch verworfen: „Zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten kam es am Wochenende bei einer Demonstration von 2000 Studenten und Jugendlichen gegen den Vietnam-Krieg in West-Berlin. Als die Demonstranten von dem ihnen vorgeschriebenen Marschweg abwichen, schlugen Polizisten wahllos mit Gumminknüppeln auf sie ein, beschlagnahmten Plakate und zerrissen einige an Ort und Stelle. 74 Jugendliche wurden von der Polizei festgenommen und 55 Plakate beschlagnahmt.“ (Frankfurter Rundschau, 12.12.66) „Später veranstalteten jugendliche Demonstranten auf dem Kurfürstendamm eine Art ‚weihnachtspolitisches Happening‘. Sie errichteten einen Weihnachtsbaum, der die amerikanische Fahne und das Transparent ‚Spießer aller Länder, vereinigt euch‘ trug. Pappmache-Köpfe von Ulbricht und Johnson wurden mit benzingetränkten Strohhüten verziert und angezündet. Dazu erklangen Weihnachtslieder… Zu den Vorfällen bei der Demonstration erklärte ein Sprecher des Senats: ‚Berlin verurteilt das Treiben der politischen Rowdies, die sich Studenten nennen. Die Berliner sind sicher, daß sich auch die Mehrzahl der Studenten von den Rowdies distanziert. Im übrigen handelt es sich dabei um eine verschwindende Minderheit.'“ (Der Tagesspiegel, 11.12.66)

Die Taktik, Demonstrationen als Spaziergänge durchzuführen, erfanden die Studierenden als Antwort auf die Prügelei der Polizei am 10. Dezember. Aktionen mußten unangreifbar für die Polizei werden. DIe Studierenden entwarfen für ihre Aktionen ein Flugblatt: „… Aus Protest gegen die brutalen Schläger dieser Demokratie gehen wir auf die Straße. Um uns nicht zusammenschlagen zu lassen, um nicht die hilflosen Opfer der Aggressivität junger Leute in Polizeiuniform zu sein, demonstrieren wir nicht in der alten Form, sondern in Gruppen als Spaziergänger; wir treffen uns vorher an bestimmten Punkten, um uns beim Nahen der Freunde von der Polizei zu zerstreuen… Diese Spa-Pro-Taktik will die versteinerte Legalität lächerlich machen, will das Irrationale der rationellen Ordnung bloßlegen, will durch Spaß zeigen, daß die Vor- und Leitbilder dieser Gesellschaft Narren sind. Wir spazieren für die Polizei! Wir fordern für sie die 35-Stunden-Woche, damit sie mehr Zeit zum Lesen haben, mehr Muße für die Bräute und Ehefrauen, um im Liebesspiel die Aggressionen zu verlieren, mehr Zeit zum Diskutieren, um den alten Passanten die Demokratie zu erklären. Wir fordern eine moderne Ausrüstung für die Polizei: Statt des Gummiknüppels eine weiße Büchse, in der sich Bonbons für weinende Kinder befinden und Verhütungsmittel für Teenager, die sich lieben wollen, und Pornographie für geile Opas. Wir fordern eine Gehaltserhöhung: Das Gehalt muß größer sein als der Sold der Springer-Schreiber, denn die Polizei ist die letzte Stütze der Demokratie, denn eines Tages wird sie als bewußte Opposition der ‚Großen Koalition‘ in den Bundestag einziehen müssen. Ausschuß ‚Rettet die Polizei e.V.'“ Die Berliner Bevölkerung wurde durch die Bild-Zeitung auf leibhaftige Bürgerschrecks vorbereitet: „STUDENTEN WOLLEN WIEDER KRAWALL!“ 14 Einsatzleiter und 205 Beamte versuchen stundenlang, auf dem Ku’damm mitten in der Vorweihnachtszeit Demonstranten zu fangen, die blitzschnell auftauchen, Flugblätter verteilen und wieder verschwinden. Das Spiel macht mürbe und aggressiv, die Polizei dreht durch, bildet Ketten und nimmt 74 Menschen fest, die meisten sind Weihnachtseinkäufer, Ku’dammbummler, Touristen und zwei Journalisten.

Am nächsten Tag rückt die Bild-Zeitung wieder alles gerade: „FREIFAHRT IN GRÜNER MINNA FÜR 86 KRAWALLSTUDENTEN! VON DER STIRNE HEISS/FLOSS DER POLIZISTEN SCHWEISS.“ Die Berliner Polizei und mit ihr die Frontstadtpresse konnten es nicht ertragen, von den studentischen Aktionen an der Nase herumgeführt zu werden. Beim Versuch, sich mit taktischen Methoden dem Gegner anzupassen, der sich den Polizeiknüppeln nicht offen stellen wollte, mußte die Polizei auf Greiftrupps ziviler Häscher zurückgreifen. Am Jahresende 1966 kündigte der neue Regierende Bürgermeister Albertz an, er wolle aktiv zur Schlichtung der Unruhe an der Freien Universität eingreifen. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kuratoriums der FU setzte er kurz darauf die Sperrung der im Haushaltsplan vorgesehen Mittel für die Studentenschaft durch. Am 26. Januar 1967 ließ die Staatsanwaltschaft das Büro des Landesverbandes Berlin des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) durchsuchen und beschlagnahmte die Mitgliederkartei. Grund: Vier ehemalige Rektoren empfanden sich als Adressaten des Flugblatt-Schlagworts von den „professoralen Fachidioten“. 113 Professoren, Dozenten und Assistenten forderten die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Überprüfung der Vorgänge bei der Durchsuchung der SDS-Räume und des Vorgehens der Polizei gegen Demonstranten. Der SDS beschäftigte den Bundestag. Auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Pohle, der nach dem „kommunistischen Einschlag“ im SDS fragte, antwortete der Innenstaatssekretär Professor Werner Ernst: „Der Bundesregierung ist bekannt, daß im Sozialistischen Deutschen Studentenbund prokommunistische Kräfte in letzter Zeit stark an Einfluß gewonnen haben.“ (Das Parlament, 8.2.67) Das Verhältnis zwischen Polizei und Studierenden wurde längst zum Maßstab für den inneren Zustand West-Berlins. Senatsrat Prill betonte auf einer Podiumsdiskussion seine auf „wilde Demonstranten“ gemünzte Äußerung: „Die sollen nur kommen, dann kriegen sie eins mit dem Knüppel auf den Kopf, das ist dann ein gutes Übungsfeld für unsere Polizeibeamten.“ (Die Welt, 2.2.67)

Am 5. Februar protestierten über 2000 Studenten gegen den Vietnam-Krieg und gegen die Verhaftung von fünf Plakatklebern des SDS, die in der Stadt etwa 50 Plakate mit der Überschrift „Erhard und die Bonner Parteien unterstützen Mord“ geklebt hatten. Vom Kurfürstendamm zogen sie zum Amerikahaus beim Bahnhof Zoo, wo es erstmals in der deutschen Geschichte zu einem Sitzstreik, einem „Sit-In“ kam. Das war neu: Wer einfach so dasitzt, bedroht niemanden. Gewaltfreier Widerstand. Auf den Protestschildern stand zu lesen: Raus aus dem Gefängnis mit den Berliner Studenten – Verhandlungen mit der FNL!- Frieden statt Diplomatenlügen – Wo bleiben freie Wahlen für Vietnam? – Statt US-Weltgendarm – Freiheit und Selbstbestimmung für Vietnam – Solidarität mit Kriegsgegnern in den USA! Die Antwort der Polizei lautete rabiater Knüppeleinsatz. Im Getümmel und Geprügel gelang es einigen Studierenden noch, die Fahne der Vereinigten Staaten herunterzuholen und einige Eier gegen die Fassade zu werfen.

Das öffentliche Echo am nächsten Tag: „DIE NARREN VON WEST-BERLIN!“ (Berliner Morgenpost, 6.2.67) und am übernächsten Tag: „BESCHÄMEND! UNDENKBAR! KURZSICHTIG!“ (Bild-Zeitung, 7.2.67), „INSPEKTOR SAGT: EINE SCHANDE FÜR UNSER BERLIN!“ (BZ, 7.2.67) Am 6. April besuchte der Vizepräsident der USA, Humphrey, West-Berlin. Dazu berichtete die Berliner Morgenpost: „In einer Blitzaktion nahm die Politische Polizei gestern abend in Berlin elf Rädelsführer fest, die für heute einen Anschlag gegen US-Vizepräsident Humphrey geplant hatten. Den Verschwörern wird Verabredung zum Mord oder zu schwerer Körperverletzung vorgeworfen. Die Polizei überraschte mehrere kommunistisch orientierte Westberliner Studenten beim Abwiegen von Sprengstoff in behelfsmäßige kleine Granathülsen und beim Einfüllen einer ätzenden Säure in Plastikbeutel… Die kleine Gruppe der Westberliner Anhänger des rotchinesischen Parteichefs Mao Tse-Tung verkehrt regelmäßig in der Pekinger Botschaft im Sowjetsektor.“ Am Morgen nach Humphreys Besuch wurden die angeblichen Verschwörer wieder freigelassen. Bei ihrem „Anschlag“ hatten sie Rauchkerzen, Farbe und Pudding werfen wollen. Die Berliner Polizei und die Presse war in der Weltöffentlichkeit blamiert.

Als die Studierenden sich am 19. April gegen die repressiven Maßnahmen von Senat und Rektor mit einer Sitzdemonstration in der FU zur Wehr setzten, hielt sich die Polizei zurück. Rektor Lieber sprach von „faschistischen Methoden“, mit denen die Studierenden protestieren würden. Die Bild-Zeitung schrieb am 27. April über die „RANDALIERER“ an der „RADAU-UNIVERSITÄT“: „DAS FASS IST JETZT VOLL!“ und zitierte den Pressereferenten des Rektors: „JETZT WIRD AUFGERÄUMT!“

Der Schah-Besuch

In diesem Frühling 1967 erwartete die Bundesrepublik den Besuch des Schahs von Persien, Reza Pahlevi, und seiner Frau, der Schabanu, Farah Diba. Die Regenbogenpresse schwelgte in märchenhaften Geschichten über den Glanz des Pfauenthrones. Nach dem Sturz des persischen Regierungschefs Mossagdeh hatte der neue Machthaber ein brutales Folter- und Terrorregime eingeführt. Die Exkursionen von Staatsbesuchern nach Berlin und möglichst an die Mauer wurden in dieser Zeit des Kalten Krieges zu einem Ritual, und auch der Schah wurde davon nicht verschont. Noch unmittelbar vor der Reise lässt sich der Protokollchef der Bundesregierung überzeugen, daß der geregelte Ablauf der Staatsvisite gewährleistet ist. Das Bundesministerium des Inneren wünschte höchste Alarmstufe für die Sicherheitsorgane und Demonstrationen möglichst fern von den Schauplätzen des Staatsbesuches. Die Polizei hatte alles vorbereitet, von der Ehren-Eskorte bis zu Gefangenensammelstellen, von Verkehrsumleitungen bis zu Greiftrupps und zur Vorwarnung an Krankenhäuser. Oppositionelle Perser waren ohne irgendeine Rechtsgrundlage in Vorbeugehaft genommen worden. Die Autobahnen, auf denen sich der kaiserliche Wagenkonvoi durch die Republik bewegte, wurden für normalen Autoverkehr gesperrt. Der Schah erlebte das Vergnügen, über eine völlig leere Autobahn zu fahren – während sich auf der gegenüberliegenden Fahrbahn der Verkehr bis zum Stillstand staute.

Zu einer ersten Demonstration kam es am Abend des 1. Juni, als im Anschluß an eine Informationsveranstaltung zur Situation in Persien Studierende vor die Westberliner Militärmission der CSSR zogen, um gegen die freundliche Aufnahme des Schahs in Prag zu demonstrieren. Schon in der Nacht vom 30. zum 31. Mai hatten SDS-Mitglieder und der „Conföderation Iranischer Studenten“ (CIS) überall in Berlin Plakate geklebt, die einen Steckbrief des Schahs mit der Überschrift „Mord“ enthielt. Der „Neue“ Am Abend des 1. Juni 1967 tauchte im Jugendclub „Ca Ira“ in der Münsterschen Straße in Berlin ein neuer Besucher auf, den niemand der Jugendlichen dort kannte. Der Besucher war ein Student, der erst vor kurzem von Westdeutschland nach West-Berlin umgesiedelt war. Die Jugendlichen, die mit ihm an der Theke ein Bier tranken, spürten seine Unerfahrenheit in den Berliner Verhältnissen und kamen mit ihm darüber in eine erregte Unterhaltung. Sie lachten ab und zu etwas höhnisch, wenn der Neue ihre Erzählung über die Zustände in Berlin und besonders das brutale Vorgehen der Polizei auf den Demonstrationen der vergangenen Monate rundheraus in einem Brustton der Überzeugung als überspitzt, ja hysterisch abtat. Nein, so ist es ja wohl wirklich nicht, sagte er. Doch, widersprachen sie ihm, genauso ist es, daß die Knüppel schon seit letztem Jahr immer locker sitzen, das haben wir schon fast alle auf unseren Rücken und Köpfen zu spüren gekriegt. Und wenn er ihnen nicht glaube, bitte schön, morgen habe er Gelegenheit, sich selbst davon zu überzeugen. Wieso morgen? – Weil morgen seine Majestät, der Folterkaiser Schah Reza Pahlevi, mit seiner Illustriertenpuppe und Ersatzsoraya persönlich nach Berlin kommt. Über 5000 Polizisten stehen zu seinem Schutz bereit. Mit drohendem Unterton schreiben die Zeitungen, die Situation ist polizeilich völlig im Griff. Da wird es wieder rund gehen vor dem Schöneberger Rathaus, oder abends, an der Strecke vor der Stadt. „Gut“, sagte der Neue, „das werde ich mir morgen mit eigenen Augen ansehen. Schließlich ist so eine Demonstration ja rechtmäßig. Was soll da schon passieren?“

„Tun Sie das Ding weg, hier wird nicht geschlagen!“

Die „BZ“ meldete in ihrer Morgenausgabe am 2. Juni: „‚Helft der Polizei, die Störer zu finden und auszuschalten!‘ Diesen Aufruf richtete gestern Polizeipräsident Erich Duensing an die Bevölkerung… Polizeipräsident Duensing bezeichnete gestern die bekannt gewordenen Pläne über Störaktionen als wesentlich härter und konkreter als bei dem Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey.“ Am Morgen des 2. Juni flog Reza Pahlevi nach Berlin. Schahtreue Perser hatten die Erlaubnis erhalten, ihren Kaiser mit Fahnen und Jubelgeschrei auf dem Flughafen zu begrüßen. Bei der Ankunft des Schahs wandte sich der Senatsprotokollchef Rauch voller Sorge an den Regierenden Bürgermeister Albertz, um ihm eine Sperrung des Vorplatzes der Oper, die der Schah abends besuchen wollte, zu empfehlen. Daraufhin kam es zu einer Unterredung des Regierenden Bürgermeisters mit dem Polizeipräsidenten noch auf dem Flugplatz. Duensing berichtet: „… der Regierende Bürgermeister, mit dem habe ich noch ein paar Worte gesprochen: ‚Guten Tag‘ und ‚Na, heißer Tag‘, und ‚Wird schon werden‘, und ‚Haben Sie Sorgen?‘, ‚Jawohl, wir haben alle Sorgen, wir sind froh, wenn er wieder weg ist.'“ Die Polizei hat freie Hand.

Ein Berliner Journalist berichtet über die Stimmung der Verantwortlichen: „Am Mittag des 2. Juni, kurz vor Eintreffen des Schahs am Rathaus Schöneberg, unterhielt sich der Leiter des Presse- und Informationsamtes des Senats, Peter Herz, mit Journalisten, die dort auf der Freitreppe die Ankunft der Autokolonne erwarteten. Herz befand sich angesichts der Demonstranten in einer offenkundig gereizten Stimmung. Auf Frotzeleien von Journalisten, wie er sich wohl am heutigen ‚Tag der deutschen Illustrierten‘ in Berlin fühle, reagierte er mit der wütenden Bemerkung: ‚Na heute können diese Burschen sich ja auf etwas gefasst machen, heute gibt es Dresche!'“

Gegen 14.30 Uhr fanden sich die Majestäten im Schöneberger Rathaus ein, um von dort aus der Berliner Bevölkerung zuzulächeln. Auf dem Platz vor dem Rathaus hatten sich etwa 3000 Studenten zu einer Demonstration versammelt, zurückgehalten von rot-weiß-gestreiften Eisengittern. Walter Siepmann, CDU-Mitglied und Mitglied des Rates der Stadt Schwelm, berichtet: „Ich stand unmittelbar hinter der Absperrung und war zunächst erstaunt, daß kurz vor der Ankunft des Gastes zwei Autobusse vor dem Rathaus vorfuhren, denen Demonstranten mit schahfreundlichen Plakaten und Fähnchen entstiegen. Auf die Sprechchöre junger Berliner antworteten diese Leute vor der Absperrung mit Hochrufen auf den Schah. Plötzlich sah ich zu meinem Schrecken, daß einer der Schahanhänger mit einem Totschläger, einer Stahlspirale mit Bleikugel, auf einen jungen Mann eindrang, der neben mir stand und lediglich gerufen hat. Ich stellte mich vor den Bedrohten, vermutlich ein oppositioneller Perser, und rief dem Angreifer zu: ‚Tun Sie das Ding weg, hier wird nicht geschlagen!‘ Daraufhin kamen noch weitere Schläger, die mit Holzlatten auf uns losschlagen wollten. Ich wäre verletzt worden, wenn nicht andere Zuschauer mich zu meinem Schutze zu Boden gerissen hätten… Die Angreifer schlugen so heftig zu, daß ihre Latten teilweise auf der Barriere zersplitterten. Sie versuchten sogar, einen jungen Mann über die Absperrung zu zerren, vermutlich ein Student, roter Pullover, was ihnen nicht gelang, da wir ihn zu mehreren festhielten. Zu meinem Erstaunen schaute die Polizei, die hinter uns Aufstellung genommen hatte, diesen Angriffen gegen Unbewaffnete minutenlang tatenlos zu.“ Die Schah-Anhänger, überwiegend Agenten des iranischen Geheimdienstes Savak, waren mit langen Holzlatten ausgerüstet. Kaum regten sich aus der Menge der Demonstranten Protestchöre, „Schah, Mörder“, „Mo-Mo-Mossadegh“, die an vom Schah gestürzten Regierungschef erinnern sollten, kaum flogen ein paar Farbbeutel, zu kurz geworfen, um den Schah zu treffen, da schlugen die „Jubelperser“ zu. Mit ihren Holzknüppeln prügelten sie wahllos und hemmungslos auf die Demonstranten ein. Blut floß, Studenten gingen zu Boden. Und die deutsche Polizei sah teilnahmslos zu, machte keine Anstalten, die Knüppelei zu beenden. Erst nach mehreren Minuten griff die Polizei ein – auf der Seite der Perser. Berittene Polizei wollte die „Schlägerei schlichten“. Sie tat dies, indem sie mit ihren Peitschen auf die Demonstranten einschlug, auch auf die, die hinter der Absperrung standen. Einige der Demonstranten, die durch das Handgemenge mit den Schahfreunden vor die Barrieren geraten waren, wurden verhaftet. Die persischen Schläger wurden weder festgenommen, noch wurden ihre Personalien festgestellt. Als der Schah in Sicht kam, jubelten sie erneut. Das Rote Kreuz schenkte Tee an sie aus.

„Warum prügelt ihr für den Schah?“

Am Abend durften die Jubelperser in zwei Sonderbussen in der Kolonne der Ehrengäste zur Deutschen Oper fahren, wo das Kaiserpaar einer Aufführung der Oper „Zauberflöte“ von Mozart lauschen sollte. Wieder durften sich die zum Teil mit Pistolen und Ausweisen des Geheimdienstes ausgerüsteten Jubelperser vor der Absperrung formieren und sich später an der Jagd der Polizei auf Demonstranten beteiligen. Gegenüber der Deutschen Oper an der Bismarckstraße befand sich ein Baugelände. Sechs Meter vor dem Bauzaun errichtete die Polizei eine etwa hundert Meter lange Barriere aus sogenannten „Hamburger Gittern“, die nicht geöffnet werden können, wenn sich hinter ihnen eine dicht gedrängte Menschenmenge befindet. Diesen langen, schmalen Streifen hatte die Polizei für die Demonstranten vorgesehen. Der von der Polizei umstellte „Schlauch“ von sechs mal hundert Metern war kaum zu betreten oder zu verlassen, wenn er einmal mit Menschen gefüllt war.

Ab 18.30 Uhr füllte sich der von der Polizei vorbereitete Raum langsam mit Menschen. Dort, wo sie standen, waren sie am störendsten, und die Polizei hatte so keine Schwierigkeiten, die gekommenen Zuschauer und Demonstranten mit „Störern“ gleichzusetzen. Die eintreffenden Menschen unterhielten sich mit einiger Erregung über die schlimmen Vorfälle vom Mittag, daß sich die Polizei nicht korrekt verhalten habe, daß sie nur gegen Demonstranten vorgegangen sei. Einige junge Leute, die auf dem Bauzaun saßen und sich in einigen der Bäume niedergelassen hatten, wie es bei anderen Besuchen üblich war, als etwa Kennedy die Stadt besuchte, wurden von der Polizei heruntergeholt. Es wurde gleich mit dem Gummiknüppel zugeschlagen. Zunächst wurde gesagt: „Runter!“ und dann wurde sofort zugeschlagen. Einige Leute hielten sich am Bauzaun fest und hingen auf der entgegengesetzten Seite, als noch von Polizisten mit Gummiknüppeln auf ihre Hände geschlagen wurde. Allmählich begann sich die Stimmung gegen die Polizei zu richten. Aus der Menge wurde auf die Polizisten eingeredet: „SA! Gestapo! Warum macht ihr das, für den Schah prügeln? Wenn ihr Bescheid wüßtet über Persien, würdet ihr dergleichen nicht tun! Warum habt ihr das denn nötig, uns hier für den Schah in einer freien Stadt zu prügeln?“

„Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst“

Um 19.56 Uhr war es soweit. Das Kaiserpaar rollte im Mercedes 600 vor das Opernportal. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, gut 30 Meter von den Staatsgästen entfernt, wurden unter den 3000 Demonstranten wieder Sprechchöre laut: „Buh, buh“, „Schah, Schah, Scharlatan“, „Mörder, Mörder“. Tomaten, Farbbeutel und Mehltüten zerplatzten auf der Fahrbahn, weit weg vom kaiserlichen Ziel. Vereinzelt flogen Steine. Unversehrt erreichten Schah und Schahbanu die Oper. Der Berliner Polizeipräsident Duensing und sein Kommandeur der Schutzpolizei, Hans-Ulrich Werner, konnten ebenfalls die Aufführung besuchen, und vorher noch den Einsatzbefehl erteilen: „Wenn die Oper begonnen hat, räumen sie die Südseite, und zwar von der Mitte ab nach rechts, wo vorwiegend Frauen und Kinder stehen, kein Wasserwerfereinsatz, das gibt ’ne Panik… und links entsprechend der Lage.“ Auf einer Pressekonferenz charakterisierte der Polizeipräsident die Taktik später als „Leberwurst-Prinzip“: „Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit die an den Enden auseinanderplatzt.“ Die Stunde der Polizei begann. Der Schah war in der Oper, für die Demonstranten war die Demonstration zu Ende. Langsam wollten die Demonstranten abrücken, wollten sich auf die umliegenden Kneipen verteilen und um 22.00 Uhr nach Schluß der Mozart-Aufführung zur Verabschiedung des Schahs neu versammeln.

Plötzlich fuhren Krankenwagen des Roten Kreuzes auf, vierzehn insgesamt, mit einer „Sondergenehmigung für den 2. und 3. Juni“. Die Polizeibeamten, die sich in einer Reihe vor den Demonstranten aufgebaut hatten, zogen die Knüppel. Einige Schaulustige versuchten, über die Absperrgitter zu entkommen, wurden aber zurückgehalten. Der Student Reinhard H. berichtet: „Nachdem der Schah das Opernhaus betreten hatte, wandte sich der mir bekannte und neben mir stehende Student Peter H. an einen vor uns in der Kette stehenden Polizeibeamten und fragte ihn, ob wir die Absperrung verlassen dürften. Der Polizeibeamte antwortete mit nein. Auf eine weitere Frage, warum wir bleiben müssten, antwortete der Polizeibeamte sinngemäß: ‚Das wirst du gleich noch sehen.'“ Der Zeuge Bernd Wittchen: „Ich sah, wie ein Polizeibeamter eine Rauchbombe in die dicht gedrängte Menge hinter die Absperrung warf. Da sie dicht vor mir niederfiel und die Rauchentwicklung so stark war, daß mehrere Personen zu husten anfingen, versuchte ich, sie zunächst auszutreten. Als mir das nicht gelang, warf ich sie ungezielt auf die Straße zurück. Ein Polizist löste sich aus der Gruppe und rannte über die Fahrbahn auf mich zu. Er sprang über die Absperrung und zog mich, unterstützt durch seine Kollegen, über das Gitter auf die Straße. Ich leistete dabei keinen Widerstand und versuchte nicht zu entkommen. Etwa sechs Meter hinter der Absperrung wurde ich zu Boden gerissen und bis auf die andere Straßenseite geschleift, wobei man mit Gummiknüppeln und Fäusten auf mich einschlug.“ Im Gegensatz zu den Demonstranten hatten die Polizisten recht klare Vorstellungen von dem, was jetzt kommen sollte. Die Journalistin Monika Nellissen berichtet: „Neben mir auf dem Mittelstreifen formierte sich in der Zeit eine Kette von Polizisten… Ein Mann stand neben mir und fragte die Polizisten: ‚Warum schlagt ihr denn nicht einfach rein, ihr seht doch, was hier passiert.‘ Und da sagte ein Polizist: ‚Wir warten ja nur auf das Kommando.'“

Der „harte Kern“

Um 20.04 Uhr bildete der zum Angriff bestimmte Halbzug einen Stoßkeil, setzte 36 Meter von der Krummen Straße entfernt über die Gitter hinweg und spaltet die dichtgedrängte Menge in zwei Hälften auf. Ohne die gesetzlich vorgeschriebene Lautsprecherwarnung prügelten die Beamten auf Zuschauer und Demonstranten ein. Polizeichef Duensing erhob sich zu Ehren des Kaiserpaares von seinem Platz und lauschte der persischen Nationalhymne; er wußte, was sich in diesen Minuten vor der Oper als Aktion „Füchse jagen“ abspielte. Jürgen B. berichtet: „Ein Ausweichen war unmöglich, die Situation war panikartig. Einzelne Demonstranten riefen: ‚Das ist doch absurd! Die sind wohl verrückt geworden!‘ und ‚Arme hoch! Kopf schützen!'“ Instinktiv hatten sich die Demonstranten, die an der Einstiegsstelle des Keils sich aufhielten, hingesetzt, um ihre Gewaltlosigkeit zu demonstrieren. Beate M. berichtet: „Als ich begriff, daß die Polizei ohne Vorwarnung härter einzugreifen begann, schrie ich mit anderen: ‚Hinsetzen!‘ Etwa 75 Demonstranten setzten sich mit viel Mühe auf den Boden, es war furchtbar eng. Wir glaubten, die Polizei vom Prügeln abhalten zu können, wenn wir passiven Widerstand leisteten und unsere Gewaltlosigkeit bewiesen.“

Erst um 20.05 Uhr forderte der Lautsprecherwagen B 53 die Demonstranten auf, den südlichen Gehweg der Bismarckstraße zu räumen, da sie sonst in den „Bereich polizeilicher Maßnahmen“ kämen. Die Zeitangabe im Merkbuch des Lautsprecherwagens wurde, so stellte sich später heraus, nachträglich in Schönschrift in die Zeitliste eingefügt. Oberkommissar Burck, der den ersten Keil führte, bezeichnete die Sitzdemonstranten als den „harten Kern“. Die Polizisten kamen mit gezogenem Knüppel über die Straße und drangen auf der ganzen Front des „harten Kerns“ über die Gitter. Es wurde 20.07 Uhr. 52 Meter von der Krummen Straße entfernt stieß ein Keil bis zum Bauzaun vor. Der „harte Kern“ war eingekesselt. Es setzte die brutalste Knüppelei ein, die man bisher im Nachkriegs-Berlin erlebt hatte. Der „harte Kern“ wurde von 80 Polizisten gegen den Bauzaun gedrückt und zusammengeschlagen. Oberkommissar Burck nannte das später so: „Es war also unsere Aufgabe, von Anfang an, diesen langen Schlauch, der dort ja vorhanden war, abzukämmen.“ Blutüberströmt brachen viele Demonstranten zusammen. Eine junge Hausfrau schlug unter den Hieben lang auf die Straße, wurde von Polizisten aus dem Getümmel getragen und fand ihr Foto am nächsten Tag in der Zeitung wieder, versehen mit der Unterzeile, tapfere Polizisten hätten sie aus dem Steinhagel „entmenschter“ Demonstranten gerettet. Die Krankenwagen füllten sich in wenigen Minuten. Demonstranten rannten in panischer Angst davon – soweit sie von der Polizei nicht daran gehindert wurden.

„Füchse jagen“

Es begann die Aktion „Füchse jagen“. Polizeipräsident Duensing war wieder zu seinen Leuten zurückgekehrt. Polizeitrupps rückten den flüchtenden Demonstranten nach. Georg A. berichtet: „Ein Mädchen hatte… versucht, über den Bauzaun zu entkommen. Das war ihr zunächst auch gelungen, sie rannte schräg in Richtung Krumme Straße über den Platz hinter dem Bauzaun. Sie wurde verfolgt von drei Polizisten, die mit Knüppeln auf sie einschlugen.“ Kriminalbeamte in Zivil formierten sich zu Greiftrupps und überwältigten vermeintliche „Rädelsführer“. Wieder mischten sich die Jubelperser unter die Beamten und griffen sich auf eigene Faust Demonstranten. Sie reichten die Festgenommenen, vor allem jene, die durch Haar- und Barttracht aufgefallen waren, an ihre uniformierten Kollegen zur „Behandlung“ weiter. Unter ihnen befand sich auch das Mitglied der Kommune 1, Fritz Teufel, der sechs Monate wegen falscher polizeilicher Anschuldigungen in Untersuchungshaft verbringen sollte. „Jungs, da werden unsere Kollegen umgebracht“ Mit der Räumung der Bismarckstraße ist ein Zwischenziel erreicht, die Kräfte werden neu geordnet. Die Demonstranten flüchten sich auf ein Wiesengrundstück an der Ecke Krumme Straße/Bismarckstraße. Jetzt wurden auch Wasserwerfer eingesetzt.

Im Dunkel der Nacht konnten die Studenten kaum noch ausmachen, wer Polizist, wer Zivilbeamter und wer Schah-Agent war. Einer der Nichtuniformierten war der 39 Jahre alte Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras aus der Abteilung 1, Politische Polizei. Zusammen mit seinen Kollegen bildete er einen Greiftrupp. Gegen 20.30 Uhr hielten sich die Beamten in der Nähe des Grundstücks Krumme Straße 66/67 auf. Auf der einen Seite stand eine Kette von Polizisten, ihnen gegenüber ein letzter Pulk von Demonstranten. Sie riefen „Mörder“ und „Notstandsübung“. Steine flogen in Richtung der Polizisten. Jörg R. berichtet: „Die Sperrkette der Polizei stand am Abschluß des Hauses, ich selbst zwischen dieser und der vorderen Reihe Demonstranten, und zwar auf der Straße. Es lösten sich aus einer Gruppe von Kriminalbeamten, die auf der Straße stand, mindestens zwei Mann und gingen schnellen Schrittes auf den östlichen Bürgersteig. Die dort stehenden Demonstranten wichen zu Seite, der, auf den man es abgesehen hatte (Hartmut R.) wohl nach hinten zurück in die Menge. So stießen die Kriminalbeamten mitten in die Menge in Richtung auf das Freigeschoß, vielleicht weil dort noch ein freier Raum war, in den die Demonstranten zurückweichen konnten.“ Einige Demonstranten drängten hinter den beiden Beamten der Politischen Polizei in den Garagenhof, zum Teil wohl, um Hartmut R. zu Hilfe zu kommen, zum Teil aus Neugier, zum Teil, um vor den vorrückenden Wasserwerfern Schutz zu finden. Für die Beamten auf der Straße ist klar: Ihre Kollegen sind in einen Hinterhalt geraten.

Die Zeugin Erika S. berichtet: „Neben mir sagte ein Polizist in der Absperrkette: ‚Jungs, da werden unsere Kollegen umgebracht.‘ Daraufhin sprangen ca. zehn bis zwölf Beamten teils über die Brüstung, teils liefen sie durch die Einfahrt.“ Im Hof entstand eine panikartige Situation. Die Beamten stürmten mit erhobenen Knüppeln den Hof, alle Demonstranten versuchten herauszukommen. Als sie aus dem Gewölbe hervorkamen, erwartete sie bereits der Wasserwerfer. Keiner der flüchtenden Demonstranten konnte sich vorstellen, daß die Polizei in dieser Situation von der Schußwaffe Gebrauch machen würde. Einigen Demonstranten gelang es nicht mehr, den Hof zu verlassen, da die Polizisten ihnen den Weg abschnitten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde den Beamten klar, daß es keinen „Hinterhalt“ gab. Diejenigen, die den Parkhof nicht mehr verlassen konnten, wurden zusammengeschlagen. Die Demonstranten saßen in der Falle. Götz F. erlitt eine stark blutende Platzwunde am Kopf und wurde von zwei Polizisten solange verprügelt, bis ein Polizeioffizier von der Straßenseite sagte: „Nun hört doch endlich auf.“ Er wurde ins Krankenhaus gefahren. Hans-Ulrich L. erlitt eine Gehirnerschütterung und wurde in das Krankenhaus Jungfernheide gebracht. Jutta B. wurde im Krankenhaus Moabit trotz schwerer Verletzungen zunächst abgewiesen, weil sie aus Angst vor der Polizei ihren Namen nicht nennen wollte. Sie lag 12 Tage lag im Albrecht-Achilles-Krankenhaus mit einer Gehirnerschütterung, einer Nierenprellung, einer Kopfplatzwunde sowie Prellungen und Blutergüssen am Körper.

Ein „Rädelsführer“ wird erkannt

Einer der Beamten meinte, einen „Rädelsführer“ zu sehen: Er trug einen Schnurrbart, ein rotes Hemd und Sandalen ohne Socken. Die Zeugin Erika S. berichtet: „Der Mann im roten Hemd stand mit dem Gesicht Richtung Krumme Straße im Garagenhof des Hauses Krumme Str. 67 hinter einem Volkswagen… Er versuchte offensichtlich, die Straße zu erreichen. Zwei uniformierte Beamte rechts und links in Höhe der hinteren Sitzreihe des VW versuchten ihn daran zu hindern… Von hinten tauchte plötzlich ein uniformierter Beamter auf und schlug dem Mann im roten Hemd mit dem Schlagstock von hinten auf den Kopf. Der Getroffene sank langsam in sich zusammen, und nun kamen die beiden Polizisten, die erst rechts und links des VW’s gestanden hatten, hinzu und zu dritt schlugen sie auf ihn ein… Ein Polizist trat auf die rechte Hand und den Arm und beide Polizisten rechts und links in die Beckengegend des Liegenden.“

In diesem Augenblick war auch Karl-Heinz Kurras von hinten zur Stelle, in der Hand eine entsicherte Pistole vom Kaliber 7,65 Millimeter. Die Mündung war kaum einen halben Meter vom Kopf des Demonstranten entfernt, so erschien es jedenfalls den Augenzeugen. Plötzlich schoß er. Die Kugel traf über dem rechten Ohr, drang in das Gehirn und zertrümmerte die Schädeldecke. Erika S. weiter: „Ich lief zu dem am Boden liegenden jungen Mann und bückte mich links von ihm zu ihm herunter. Als ich zu den Beamten hochblickte, sah ich, daß sie immer noch ihre Schlagstöcke in der Hand hatten und bat sie leise: ‚Nicht schlagen, bitte holen sie die Ambulanz.‘ Der Polizist, der links neben dem Mann im roten Hemd gestanden hatte, bewegte sich langsam in Richtung Straße… Ich suchte nach einer Wunde und sah, daß eine Platzwunde bis zum rechten Ohr vorhanden war, aus dem Ohr kam Blut. Ich fühlte seinen Puls, er ging schwach, ich öffnete ein Auge und sah keine Pupille. Daraus schloß ich ‚Schädelbruch‘. Seine Lippen bewegten sich und ich nahm an, er wolle etwas sagen. Ich beugte mich herunter, konnte aber nur ein Röcheln vernehmen…“ Benno Ohnesorg wurde in das städtische Krankenhaus Moabit gebracht, die Wunde zugenäht und als Todesursache zunächst Schädelbruch diagnostiziert. Der Versuch der Stadtregierung, den Schah-Protest polizeilich-militärisch zu lösen, hatte ein Menschenleben gefordert.

„Meldung erstatten, wie die Vorschrift lautet“

Währenddessen ist Polizeipräsident Duensing mit der taktischen Situation zufrieden und erhält Kenntnis von der Schußabgabe: „Einer meiner Beamten rief mir zu: ‚Nehmen Sie volle Deckung, die werfen immer noch‘. Ich bin dann nach vorne gegangen zu dem Moment, der so symptomatisch ist: Alles japst noch ein bißchen nach Luft, und nun sagt der Einsatzführer: ‚Was werden wir nun tun?‘ Man stand also vor der Kreuzung Schillerstraße/Krumme Straße. Ich habe gesagt: ‚Was wollen Sie machen?‘ ‚Ja‘, sagt er, ‚ich hätte gern die Kreuzung noch in Besitz genommen‘. Da standen etwa 250 bis 300 Demonstranten… Ich habe gesagt: ‚Ich billige ihren Entschluß, daß Sie hier stehen bleiben, scheiden Sie Reserven aus! Was gab es sonst?‘ Da sagt er: ‚Ein Beamter der Kriminalpolizei hat Warnschüsse abgegeben.‘ ‚Wo ist er?‘ ‚Da steht er.‘ Da habe ich den Obermeister Kurras, der mir vorher nicht bekannt war,… gesehen… Ich habe gesagt: ‚Vom Dienst abtreten, Meldung erstatten, wie die Vorschrift lautet.'“ Kriminalobermeister Kurras, gerade noch einem „Hinterhalt“ glimpflich entkommen, stand noch unter Schockwirkung. Ein Blick genügte, um zu erkennen, was los ist. Es schien überflüssig zu sein, Nachforschungen anzustellen, wer getroffen worden sein könnte. Doch bereits zu dieser Zeit wußte die Polizei, dass Kurras auf Ohnesorg geschossen hatte. Ein Polizeibeamter unterrichtete den Abgeordneten Löffler, der vor dem Grundstück in der Krummen Straße steht. Der Beamte erklärte, er habe dem Schützen Vorhaltungen über den Schußwaffengebrauch gemacht, da Ohnesorg bereits durch drei Beamte fest im Griff gehalten worden sei und zum anderen der Schütze die anwesenden Polizisten gefährdet habe. Trotzdem erfuhr die Öffentlichkeit erst nach der Obduktion am Vormittag des 3. Juni, daß Ohnesorg nicht erschlagen, sondern erschossen wurde.

„Ein Polizist wurde getötet“

Die fliehenden Demonstranten wurden von der Polizei noch über eine Strecke von ca. drei Kilometern mit Knüppeleinsatz verfolgt und gejagt. Der Hauptzug der Fliehenden bewegte sich von der Krummen Straße über die Schillerstraße in die Wilmersdorfer Straße und von dort zum Kurfürstendamm. Hier wurden die Fliehenden wieder eingeholt und den Boulevard entlanggetrieben. Der Zeuge Hartmut v. L. schildert seine Flucht: „Die Polizisten hatten es darauf angelegt, die Letzten, die es nicht mehr rechtzeitig schaffen konnten, zu erwischen. Es ging durch die Wilmersdorfer Straße den Kurfürstendamm hinauf. Beide Fahrbahnen wurden blockiert, der Verkehr floss nicht mehr. Von dort an hetzten wieder Polizisten mit Knüppeln den Ku’damm hinauf. An der Ecke Uhlandstraße flüchtete ich in eine Würstchenbude und hörte dort aus einem aufgefahrenen Lautsprecherwagen, daß ein Polizist durch Messerstiche getötet worden sei.“ Immer wieder wurden die Demonstranten von den Polizisten überholt, so daß sie dort, wohin sie vor den Knüppelschlägen entkommen wollten, von neuen Polizeikräften erwartet wurden.

Die Polizei versuchte mit Mannschaftswagen in schneller Fahrt, von der Seite in die größere Menschenmenge, die offensichtlich in panischer Flucht war, ohne ersichtlichen Grund einzuschlagen. Die Demonstranten wurden vereinzelt und in die Nebenstraßen des Kudamms geprügelt. Michael G. berichtet aus der Joachimsthaler Straße: „… plötzlich (stürzte) eine Truppe von 10-20 Polizisten auf die in den hinteren Reihen stehenden Demonstranten, trennte ca. 10-20 Personen ab und jagte sie die Joachimsthaler Straße entlang… Die Jugendlichen rannten wie um ihr Leben… Ich lief der marschierenden Truppe hinterher und bat einen… Polizeibeamten höflich um seine Karte. Er griff zum Gummiknüppel und antwortete: ‚Komm her, du Studentenschwein, du kannst noch eins in die Fresse haben, wenn du noch nicht genug hast.'“ Die Polizei leistete ganze Arbeit. Als der Schah um 23.30 Uhr das Hilton-Hotel erreicht, wird er von 50 bis 60 Demonstranten empfangen. Das ist der Rest von den rund 3000 Demonstranten zu Beginn des Abends. Mit ihnen haben die Beamten keine große Mühe mehr.

Der nicht erklärte Notstand

Von da an übernehmen Politiker und Presse den Fall. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Pastor Heinrich Albertz (SPD), erklärte noch in der Nacht zum 3. Juni: „Die Geduld der Stadt ist am Ende. Einige Dutzend Demonstranten, unter ihnen auch Studenten, haben sich das traurige Verdienst erworben, nicht nur einen Gast der Bundesrepublik Deutschland in der deutschen Hauptstadt beschimpft und beleidigt zu haben, sondern auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte, Polizeibeamte und Demonstranten. Die Polizei, durch Rowdies provoziert, war gezwungen, scharf vorzugehen und von ihren Schlagstöcken Gebrauch zu machen. Ich sage ausdrücklich und mit Nachdruck, daß ich das Verhalten der Polizei billige und daß ich mich durch eigenen Augenschein davon überzeugt habe, daß sich die Polizei bis an die Grenze des Zumutbaren zurückgehalten hat.“ In den Zeitungen stand am nächsten Morgen nichts von den Vorgängen im Parkhof der Krummen Straße 66/67. Die Presse stellte sich ohne genaue Kenntnis der Vorgänge auf die Seite der Staatsgewalt.

„EIN JUNGER MANN IST GESTERN IN BERLIN GESTORBEN. ER WURDE OPFER VON KRAWALLEN, DIE POLITISCH HALBSTARKE INSZENIERTEN. GESTERN HABEN KRAWALLMACHER ZUGESCHLAGEN, DIE SICH FÜR DEMONSTRANTEN HALTEN. IHNEN GENÜGT DER KRAWALL NICHT MEHR. SIE MÜSSEN BLUT SEHEN. SIE SCHWENKEN DIE ROTE FAHNE, UND SIE MEINEN DIE ROTE FAHNE. HIER HÖREN DER SPASS UND DER KOMPROMISS UND DIE DEMOKRATISCHE TOLERANZ AUF. WIR HABEN ETWAS GEGEN SA-METHODEN. DIE DEUTSCHEN WOLLEN KEINE ROTE UND KEINE BRAUNE SA. SIE WOLLEN KEINE SCHLÄGERKOLONNEN, SONDERN FRIEDEN.“ (Bild-Zeitung Berlin, 3. Juni 1967).

„DIE ANSTÄNDIGEN IN DIESER STADT ABER SIND JENE MASSEN DER BERLINER, DIE BERLIN AUFGEBAUT UND BERLINS WIRTSCHAFT ANGEKURBELT HABEN. IHNEN GEHÖRT DIE STADT, IHNEN GANZ ALLEIN… WER TERROR PRODUZIERT, MUSS HÄRTE IN KAUF NEHMEN.“ „DENNOCH WAR DAS KEINE POLITISCHE DEMONSTRATION. ES WAR DAS WERK EINES MOBS. IHM GING ES NICHT MEHR UM DIE POLITISCHE AUSSAGE IN IRGENDEINER FORM. IHM GING ES NUR UM KRAWALL, UM UNRUHE, UM TERROR… FRAUEN, DIE GEKOMMEN WAREN, UM DEN SCHAH ZU SEHEN, BRACHEN VON STEINEN GETROFFEN BLUTEND AUF DEM MITTELSTREIFEN DER BISMARCKSTRASSE ZUSAMMEN. POLIZISTEN WURDEN SCHWER VERLETZT ABTRANSPORTIERT. UND AUCH DIE DEMONSTRANTEN KAMEN NICHT UNGESCHOREN DAVON.“ („BZ“, 3. Juni 1967).

Den Beweis für einen einzigen schwerverletzten Polizeibeamten ist die BZ bis heute schuldig geblieben. Der auf der Titelseite abgebildete Beamte Heilscher wurde noch am gleichen Abend aus dem Krankenhaus entlassen. Eine pogromartige Stimmung wurde vor allem von der Berlin beherrschenden Springer-Presse geschürt: „STUDENTEN DROHEN: WIR SCHIESSEN ZURÜCK.“

Als einzige Zeitung brachte die Berliner Morgenpost einen Satz über den Schußwaffengebrauch: „EIN KRIMINALBEAMTER FEUERTE IM WIRREN TUMULT UND IN DEM UNÜBERSEHBAREN HANDGEMENGE EINEN WARNSCHUSS AB.“

„Daß das klar ist, Herr Dutschke“

Am Morgen des 3. Juni brachte der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz den Schah zum Flughafen. Albertz fragte, ob der Schah von dem Toten gehört habe. Ja, entgegnete dieser, das solle ihn nicht beeindrucken, das geschehe im Iran jeden Tag. Es wagten sich nur wenige Hunderte auf die Straße, unter ihnen Rudi Dutschke. Um 10 Uhr eilten Hunderte auf den Campus der Freien Universität. Dort, auf einem Parkplatz, war es auf einer Versammlung auffällig still. Einige Sprecher machten über Megaphon Aktionsvorschläge. „Wer stimmt für den Antrag, daß die Versammelten umgehend zu einem Protestmarsch zum Schöneberger Rathaus aufbrechen?“ Geräuschlos und beinahe synchron gingen die Arme hoch. Kein Streit, kein Jubel, nach ein paar Minuten, gegen 11.30 Uhr, brachen rund 500 Studierende auf. Ein paar hundert Meter weiter auf der breiten Allee versperrten Spanische Reiter der Polizei den Weg. Fünf Einsatzkommandos der Polizei, rund 100 Beamte und ein Wasserwerfer, drängten den Demonstrationszug in eine Nebenstraße ab, und riegelten die Straße zu beiden Seiten ab. Die Eingeschlossenen schickten Rudi Dutschke zum Einsatzleiter der Polizei. „Freien Abzug gibt es nur, Herr Dutschke, wenn die nicht genehmigte Demonstration aufgelöst wird. Daß das klar ist, Herr Dutschke.“ Nach einer halben Stunde Beratung beschlossen die Demonstranten, sich aufzulösen und in kleinen Gruppen zu gehen.

Demonstrationsverbot, Disziplinarordnung und Schnellgerichte

Zur selben Zeit versammelten sich der Regierende Bürgermeister, seine Senatoren, die Fraktionsvorsitzenden der im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien und die Rektoren der Hochschulen im Senat. Anschließend erläuterte der Regierende Bürgermeister die beschlossenen Maßnahmen in einer Rundfunkansprache an die Bevölkerung: „Sicherheit und Ordnung müssen in dieser Stadt gewährleistet bleiben. Aus diesem Grund hat sich der Senat veranlaßt gesehen, bis auf weiteres jede öffentliche Demonstration zu untersagen. Wer sich dieser Anordnung widersetzt, wird auf den energischen Einsatz der Polizei stoßen und ohne Ansehen der Person strafrechtlich verfolgt werden. Was die Universitäten betrifft, hat der Senat den Rektoren die Zusicherung gegeben, daß er sie bei der Anwendung ihres Hausrechts mit allen Mitteln, bis hin zum Einsatz der Polizei, unterstützen wird. Die Rektoren der Universitäten haben zugesagt, daß gegen alle an den Ausschreitungen beteiligten Studenten Disziplinarverfahren eingeleitet werden. Außerdem wird der Senator für Wissenschaft und Kunst dem Senat ein Universitätsgesetz zur beschleunigten Verabschiedung vorlegen. Dabei wird den Fragen der Disziplinarordnung besondere Beachtung geschenkt werden. Zur zügigen strafrechtlichen Verfolgung und Aburteilung der an den Ausschreitungen beteiligten, insbesondere ihrer Rädelsführer, wird die Staatsanwaltschaft auf Vorschlag des Senators für Justiz die Vorgänge sofort von der Polizei übernehmen und bearbeiten. Dabei soll insbesondere auch der Vorfall, der zum Tode des Studenten Benno Ohnesorg geführt hat, unverzüglich aufgeklärt werden. Darüberhinaus hat der Senator für Justiz zugesagt, die in unserer Rechtsordnung vorgesehene Möglichkeit zu nutzen, um die Kriminalität nachhaltig bekämpfen zu können, mit der Sicherheit und Ordnung in unserer Stadt untergraben werden sollen. Dazu gehört auch die Einrichtung von Schnellgerichten.“

Entmutigt und zornig vom mißglückten Zug zum Schöneberger Rathaus versammelten sich die Studenten auf den Wiesen zwischen den verschlossenen Hörsälen. In der warmen Luft saßen sie mit aufgekrempelten Ärmeln da und lauschten schweigend den durch die Megaphone gejaulten schlechten Nachrichten. Senat hat Demonstrationsverbot verhängt. Rektor verfügt Schließung der Universität. Der Regierende steht voll hinter dem Vorgehen der Polizei. Polizeigewerkschaft fordert endlich Ende der „weichen Welle“ gegen Demonstranten. Gegen 15 Uhr glichen die Straßen rund um das Schöneberger Rathaus einem Heerlager. Ein starkes Polizeiaufgebot riegelte den Kennedy-Platz ab, die etwa 600 trauernden Studierenden mit schwarzen Fahnen und Armbinden wurden abgedrängt und selbst Einzelpersonen des Platzes verwiesen und verhaftet.

„Albertz abtreten“

Am Nachmittag tauchte die Polizei auf dem Gelände der FU auf. Die Beamten der EInsatzleitung sondierten das von „Störern“ besetzte Gelände. Eine nicht angemeldete, nach geltendem Hausrecht verbotene Versammlung auf dem Boden der Freien Universität. Die Ermächtigung Ihrer Magnifizenz zur Auflösung lag vor. Bevor die Polizisten zur Räumung übergehen konnten, sperrte Dekan Wetzel die Türen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät auf. Wie ein Sog strömten die Studierenden in das Gebäude, stürmten durch die Gänge und versammelten sich in einem großen Hörsaal. Bis zum 8. Juni wurde die Universität zum Hauptquartier der studentischen Aktionen. Vollversammlungen setzten Komitees und Arbeitsgruppen ein. Delegationen machten sich auf den Weg, Journalisten, Prominente und Professoren kamen. Ihre Anwesenheit war der Beweis für ihre Solidarität mit den Studierenden, die von der Öffentlichkeit wie Vogelfreie behandelt wurden. Was der Senat hatte verhindern wollen, geschah: Unüberhörbar für die Öffentlichkeit machten die Demonstranten ihre massive Kritik an Senat und Polizei deutlich. In einer einmütig angenommenen Resolution forderten sie u.a. den Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters, des Innensenators und des Polizeipräsidenten sowie eine „Entfaschisierung“ der Berliner Polizei. Eine Gruppe von acht Studentinnen und Studenten unternahm auf dem Kurfürstendamm eine illegale Protestaktion. Peter Homann, der in Hamburg Kunst studiert hatte und 1962 nach Berlin gezogen war, hatte eine Idee, wie das Verbot, Transparente zu zeigen, unterlaufen werden konnte. Es wurden Großbuchstaben auf weiße T-Shirts gemalt. Jeder trug auf seinem Hemd einen Buchstaben. Nebeneinander stehend ergab dies den Namen des Regierenden Bürgermeisters A-L-B-E-R-T-Z. Auf dem Rücken trugen sie die Buchstaben A-B-T-R-E-T-E-N. Auf ein Signal hin drehten sie sich um die eigene Achse. Am Abend wurde die Aktion bundesweit im Fernsehen gezeigt: „Albertz abtreten!“ Fotos erschienen in den Tageszeitungen. Die acht Demonstranten wurden verhaftet.

„Sie stehen nicht allein“

„Wer wäre nicht betroffen davon, daß die Krawallgier einiger radikaler Halbstarker eine Situation heraufbeschworen hat, in deren Hysterie das Unglück geschah… Die Polizei tat ihre schwere Pflicht. Der unglückliche Schuß, der Ohnesorg tötete, wurde nach menschlichem Ermessen in Notwehr abgegeben… Einen Augenblick lang neigte man zu der Annahme, das Blutvergießen vor der Deutschen Oper würde bei unseren Krawallbrüdern so etwas wie den Schlag des eigenen Gewissens vernehmbar machen. Weit gefehlt! Auf Flugblättern wurden der Regierende Bürgermeister Albertz und Innensenator Büsch als Mörder und als Verantwortliche für vorbereitete Verbrechen bezeichnet. Das Maß ist nun voll. Die Geduld der Berliner Bevölkerung ist erschöpft. Wir sind es endgültig leid, uns von einer halberwachsenen Minderheit, die noch meist Gastrecht bei uns genießt, terrorisieren zu lassen. Man wünschte sich für Heinrich Albertz und die tragenden Kräfte Berlins, daß sie diesmal hart und konsequent bleiben. Sie stehen nicht allein. Die Rädelsführer der gewalttätigen Unternehmungen gegen den Schahbesuch haben sich des strafrechtlichen Tatbestandes der Zusammenrottung zu aufrührerischen Aktionen und des Landfriedensbruchs schuldig gemacht. An der Art und Weise der Verfolgung dieser kriminellen Vergehen werden wir erkennen, wie ernst es der Senat mit seinen gestrigen Beschlüssen meint.“ (Leitartikel der Berliner Morgenpost, 4.6.1967)

„Ein Fehlentwickler“

In zahlreichen Städten in der gesamten Bundesrepublik fanden in den Tagen nach dem 2. Juni Schweigemärsche, Trauerkundgebungen und Protestdemonstrationen statt, an denen sich über 100.000 Studierende beteiligten. Zehntausende, nicht nur Studierende und Schüler, waren entsetzt und tief irritiert über das Versagen demokratischer Institutionen, über den, wie es Jürgen Habermas ausdrückte, „offenen Polizeiterror und ein Stadtoberhaupt, das dieser Polizei noch dankte, nachdem der Student Ohnesorg erschossen worden war.“ In Hamburg kam es am 3. Juni anläßlich des dortigen Schah-Besuchs erneut zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Der nicht gerade links stehende VDS verurteilte in einer gemeinsamen Erklärung zusammen mit den ASten in Bonn, Frankfurt, Gießen, Heidelberg, Mainz, Marburg, München, Tübingen und West-Berlin sowie den Studierendenverbänden SDS, SHB, ESG, HUS und dem World University Service das Vorgehen der Polizei. Nach Abschluß eines Schweigemarsches sagte der Marburger AStA-Vorsitzende Christoph Ehmann: „Wie der Spanienfeldzug Hitlers zur Erprobung seiner Waffen, so diente der Schah-Besuch zahlreichen machtausübenden Staatsorganen der Erprobung ihrer Notstandmaßnahmen.“

Schüchtern boten die Berliner Studierenden in den folgenden Tagen auf dem Ku’damm ihre Flugblätter an. Nur nichts riskieren, keine Provokationen, keine Transparente, keine Ansammlungen. „Hier spricht der studentische Ordnungsdienst. Wir bitten die einzelnen Diskussionsgruppen, nicht zu sehr anzuschwellen, da sich bereits das als Provokation herausstellen könnte. Bitte, lassen sie Platz für die Bevölkerung. Außerdem bitten wir sie, rational zu diskutieren. Danke sehr“, so eine Megaphonstimme. Nie zuvor hatte es das gegeben, daß Studierende in ein paar Tagen mühelos über 300.000 Flugblätter an die BerlinerInnen losschlagen konnten. Der AStA der FU Berlin erhielt über 500 Briefe, die Tageszeitungen erhielten viele Zuschriften aus der Bevölkerung. Viele dieser Briefe waren mit vollem Namen gekennzeichnet, die meisten blieben anonym. Die Reaktionen zeigten des Volkes Stimme:

„Was vor der Deutschen Oper passiert ist, war offener Aufstand, Aufruhr, Rebellion gegen jede Ordnung und Sicherheit.“ (an AStA FU, 6.6.67) „Demonstrationen sollte es nur dann geben, wenn alle zusammen es wollen.“ (an AStA FU, 8.6.67) „Darum fordern wir: Schluß mit den vielen Demonstrationen, soweit die Demonstrationen nicht von der ganzen Bevölkerung getragen werden…“ (an AStA FU, 20.6.67) „Wollt ihr schon protestieren, dann tuts doch stumm!“ (RIAS-Rückblende Nr. 152) „Was jetzt jetzt not tut in Berlin, ist nicht, daß der Senat Demonstrationen verbietet, sondern daß sich studentische Demonstrationen für eine Weile von selbst verbieten… So lange, bis die jungen Leute begriffen haben, daß politische Demonstrationen das dümmste und vergeblichste Mittel politischer Betätigung sind.“ (FAZ, 5.6.67)

„Es wäre an der Zeit, daß sich mal die Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung aufraffen würde, um gegen die randalierenden Studenten vorzugehen. Dann wollen wir mal sehen, wer den kürzeren zieht…“ (an ESG FU) „Bei meinen Kollegen und Verwandten liegen ab sofort Hundepeitschen und Weichmacher bereit. Sollte sich ein Rowdy von Ihrer Sorte nochmals an unsere Tür wagen, dann machen wir Mus aus Euch Mistbande. Die Polizei war nämlich viel zu anständig zu Euch. Wir hätten gleich mit der MG dazwischen gehalten, damit Euch Halunken ein für allemal die Lust am Radau vergangen wär, denn Euer Platz ist die Schulbank. WIr gehen ohne Waffe nicht mehr aus.“ (an AStA FU, 13.6.67)

„Mir graust, wenn ich daran denke, daß dieser Pöbel später mal die Führerschicht in unserem Vaterlande stellen soll. Die Polizei ist noch viel zu human vorgegangen… Unsere Regierung soll sich begraben lassen. Hier fehlt ein Innenminister wie Hermann Göring, der mit den Ganoven aus dem Scheunenviertel damals spielend fertig wurde.“ (an AStA FU, 14.6.67) „Zusammenschlagen und dann für ein Jahr in ein Arbeitslager. Hoffentlich werden sich unsere zu humanen Behörden recht bald einmal dazu entschließen. Dann wird es in Deutschland auch wieder besser.“ (an AStA FU, 8.6.67)

„Ungeziefer muß man mit Benzin begießen und anzünden! Tod der roten Studentenpest! Die rote Studentenpest soll doch rübergehen! Da können sie randalieren, protestieren, demonstrieren mit ihren roten Gesinnungslumpen zusammen. Wir wollen sie nicht sehen, sondern rauswerfen! Am besten in die Spree reinwerfen. Ersäufen!“ (an ESG FU) „Euthanasie für studentische politische selbstmörderische Idioten gibt es ja nicht bei uns!“ (an AStA FU, 5.6.67) „Nur ein Student erschossen, das ist viel zu wenig. Durch den Ofen jagen, das ganze Pack!“ (Ermittlungsausschußbericht) „Wir hatten schon einmal in diesem Jahrhundert in Berlin derartige Krawalle, auch damals waren Studenten dabei, sie nannten sich seiner Zeit ‚SA‘. Auch sie hatten ihren Ohnesorg, nur hieß er damals ‚Horst Wessel‘, und auch von ihm war nicht viel Gutes zu berichten.“ (an AStA FU, 6.6.67)

„Am Fernseher haben wir uns dieser radikalen und möglicherweise von Kommunisten gelenkten Brüller geschämt. Sie wirkten genau wie die HJ-Jungens, die seinerzeit die jüdischen Geschäfte einschlugen und plünderten.“ (an AStA FU, 8.6.67) „Wer aber ist im Dritten Reich für die vielen Todesurteile verantwortlich und für die Versuche an Juden? Das waren alles ehemalige Studenten.“ (an ESG FU) „Als die Juden hier im eigenen Land vergast wurden, da waren die Studenten still. Jetzt, wo es weit weg ist, verletzt ihr die eigenen Bürger.“ (an AStA KiHo und ESG) „Ihr kämpft an falscher Front. Auf nach Israel! Da könnt Ihr für die Menschenwürde Deutschlands etwas tun.“ (an AStA FU, 8.6.67) „Zeigt was Ihr könnt an der Mauer! Wenn die Grepos Euch wie Hasen abschießen, habt Ihr, was Ihr braucht, und wir haben wieder Achtung vor Euch. Aber Ihr tut ja nicht einmal was für Israel.“ (an AStA FU, 8.6.67) „Wer aktiv für Gerechtigkeit und Freiheit eintreten will, in Israel bietet sich eine echte Bewährungschance. Es ist mir nicht bekannt, daß sich jemand von der FU freiwillig gemeldet hätte.“ (an AStA FU, 5.6.67) „Besonders ‚lehrreich‘ war Ihre Bemerkung, daß Sie auf die Zeit nach 1933 hinweisen, die nach Ihrer Meinung entstanden ist, weil man sich nicht genügend durch Demonstrationen dagegen gewehrt hat. Wir Älteren haben leider erlebt, daß die Zustände erst dadurch so auf die Spitze getrieben wurden, weil die Linksradikalen ständig randaliert haben. Das ging schon nach dem Zusammenbruch 1918 damit los und nahm kein Ende, sodass sich eine ruhige Entwicklung überhaupt nur schwer anbahnen konnte… Schuld an der Entwicklung hat aber auch der schwache Senat, der immer nur beschwichtigt und nicht durchgreift, weil wir an der Spitze eben keinen Mann sondern einen Pfeifenheini haben. Aber hier brauchen wir einen, der die Energie eines Adolf Hitler mitbringen muß, um sich durchsetzen zu können. Nun werden sie sagen – aha, der Schreiber ist ein Rechtsradikaler oder ein alter Nazi. Ganz das Gegenteil ist der Fall, denn der Schreiber ist einer der wenigen, die sich nicht von den Nazis einfangen ließen und dafür auch zweimal gratis zur Prinz-Albrecht-Str. gefahren wurde.“ (an AStA FU, 8.6.67)

„Kommunisten und Studenten, ist ja doch alles eines.“ „Wenn ich das schon höre – AStA der FU – wird doch alles von den Kommunisten gelenkt.“ (Ermittlungsausschußbericht) „Bevor die Universität nicht von den Kommunisten gesäubert ist, gibt es keine Ruhe und Sicherheit in dieser Stadt.“ (an AStA FU) „Sie leben in einer Demokratie und denken kommunistisch… Und wenn Professoren sie dazu angehalten haben, dann seien sie nicht feige und geben diese mit Namen und Anschrift allen Berliner Bürgern bekannt.“ (an AStA FU) „Mit dem Maschinengewehr sollte man sie alle umlegen. Einen nach dem anderen. Anders wird man mit Kommunisten und Sozis nicht fertig. Ich habe Weimar erlebt. Die Freikorps haben es richtig gemacht.“ (Ermittlungsausschußbericht, 25.7.67) „Wenn wir Ulbricht vielleicht auch nicht kriegen, euch kriegen wir aber!“ (Ermittlungsausschußbericht) „Kommunistenhure! ich komme gerade von der Schicht und Du Schwein hast nichts anderes vor, als Eure Flugblätter zu verteilen. Wenn ich schon ‚Studenten‘ höre, sehe ich rot und alle ehrlichen Arbeiter auch. Hau bloß ab!“ (Ermittlungsausschußbericht) „Jeder Student kostet den Steuerzahler 2000-3000 DM. Für unser Geld wollen wir aber auch etwas sehen! Nicht z.B. wollen wir es haben, daß, während andere für sie arbeiten, Sie Umzüge veranstalten oder ‚diskutieren‘. Wann arbeiten Sie und Ihre Lehrer eigentlich? Gehören Flugblätter drucken und Versammlungen in der Fordhalle auch zum Studium? Mein Sohn, der auch ein Gymnasium besucht, fragt uns immer, wo Sie nur die viele Freizeit hernehmen?… Nur unser Geld und die Freiheit, das gefällt ihnen.“ (an AStA FU, 14.6.67)

„Ich bin Arbeiter. Auf Grund dessen trage ich dazu bei, daß sie studieren können! Bitte tun Sie das! Aber weiter auch nichts… Wie soll die Demokratie aussehen, wenn Sie dank Ihres Studiums in leitenden Stellungen der Regierung sitzen? Dann müssen wir als Arbeiter immer noch bezahlen! Uns bleibt dann nichts weiter als zu sagen – immer dieselben!“ (an AStA FU, 7.6.67) „Wir können auch nicht demonstrieren, weil wir arbeiten müssen. Wir schämen uns für diese Studenten, die scheinbar nichts im Sinn haben als Saufen, Weiber und Demonstrationen.“ (an AStA FU, 8.6.67) „Wir wollen Ruhe und Ordnung in Berlin, das immer noch von den Kommunisten belagert wird. Ulbricht wartet ja nur, daß hier was passiert. Die Studenten gehen dann nach Westdeutschland zurück, und wir müssen ausbaden, was diese Provokateure angerichtet haben.“ (an AStA FU, 12.6.67) „Ich bin Arbeiter, aber niemals Kommunist. Deutschland war immer ein anständiges und ruhiges Land. Bis 1945 gab es auch Studenten, aber man hat niemals von einem Studentenaufruhr gehört.“ (an AStA FU, 6.6.67) „Wir Bürger wollen Ruhe und Ordnung haben, die uns nur die Polizei und der Senat garantieren können.“ (an AStA FU, 13.6.67) „Die öffentlichen Steuergelder in Form von Stipendien und Zuschüssen sowie Vergünstigungen aller Art werden heute den Studenten großzügig zur Verfügung gestellt, damit sie sich nicht nur ein Wissen für ihre zukünftige Existenz erwerben, sondern auch zu verantwortungsbewußten Mitbürgern mit Pflicht-, Ehr-, und Anstandsgefühl herausgebildet werden sollen, kurz, daß aus geltungsbedürftigen Triebmenschen ‚der Mensch‘ werde, der die Ordnung als alleinige Schöpferin und Bewahrerin aller Werte erkennt und anerkennt… Ein altes Sprichwort sagt: Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Es zeugt also auch nicht von einem noblen Charakter, wenn man mit einer Hand einkassiert und mit der anderen gleichzeitig auf den Spender einprügelt oder die kostbare Lernzeit mit Dingen vergeudet, die dem Studium keineswegs förderlich sind…“ (an AStA FU, 5.6.67)

„Sie sollten sich lieber auf den Hosenboden setzen und lernen, statt gegen einen Gast zu demonstrieren, schließlich sind alle Staatsmänner Mörder, ob sie einen westlichen oder östlichen Staatsmann nehmen, auch Kaiser und Könige. Ihnen fehlt nur der Gummiknüppel und der Wasserwerfer, damit Sie zur Besinnung kommen.“ (an AStA FU, 9.6.67) „Lassen sie uns in Ruhe mit ihren Demonstrationen und Protesten. Was sie sagen wollen, wissen wir selber, gerade hier in Deutschland. Wer die Macht hat, hat auch recht. Das war bei den Nazis so, bei den Kommunisten und auch jetzt bei den Amerikanern. Deswegen werden sie nie recht haben und wenn sie noch so viel auf die Straße rennen… Am besten wäre vielleicht doch eine Diktatur, dann wäre so ein Studentenaufstand, der nichts wert ist, gar nicht erst möglich… Die Politiker sind korrupte Verbrecher und die Studenten dumme Jungs. Da hilft nur eins: Selbst für Ordnung sorgen!“ (an AStA FU, 9.6.67) „Meine Herren Demonstranten, weshalb fühlen Sie sich gerade verpflichtet, sozusagen als ‚Weltverbesserer‘ aufzutreten? Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Das Erleben, was uns ungewollt lange Jahre hindurch präsentiert wurde: Den Kampf ums Dasein!“ (Leserbrief an die Schleswiger Nachrichten, 24.6.67) „Man muß sich schämen, ein Deutscher zu sein. Die primitivsten Anstandsregeln gelten nicht mehr. Die Studenten haben mit ihrem unwürdigen Benehmen gegen einen Gast ihres Staates dem Ansehen Deutschlands schweren Schaden zugefügt.“ (an AStA FU, 14.6.67)

„Wenn die führenden AStA-Vertreter mit dem Schahehepaar gemeinsam die Mozartoper ‚Die Zauberflöte‘ besucht und psychisch-geistig durchlebt hätten, stände es um die Universitäten Deutschlands besser.“ (an AStA FU, 4.6.67) „Früher hatte man Achtung vor Studenten. Die Gebildeten nannten Straßendemonstranten Pöbel. Diesen Namen haben nun die Studenten übernommen.“ (an AStA FU, 5.6.67) „Wir einfachen Menschen haben früher immer unter einem Menschen, der die Möglichkeit zum Studieren hat, etwas Auserwähltes gesehen und als Elite der Nation betrachtet. Diese Auffassung hat aber in letzter Zeit derartig gelitten, daß ich Studenten heute von einer ganz entgegengesetzten Seite betrachte. Abgesehen von den wenigen anständigen Elementen, die sich an diesen Ausschreitungen nicht beteiligten, kann man heute die Berliner Studentenschaft gleichwertig mit dem Abschaum der Menschheit betrachten. In der Rangordnung marschieren neuerdings unsere Herren Studenten gleich hinter den dreckigen langhaarigen Gammlern und den weniger appetitlichen Strichjungen vom Bahnhof Zoo.“ (an AStA FU, 5.6.67)

„Den Tod von Benno Ohnesorg habt Ihr allein verschuldet. Er zahlte den Tribut für Eure schlechte Kinderstube, in der wohl mancher Hieb vorbeiging. Schade.“ (an AStA FU, 4.6.67) „Was wollt Ihr eigentlich? Ihr demonstriert andauernd gegen Sachen, gegen die man sowieso nichts machen kann. Wieviel Revolutionen hat es schon gegeben und was haben sie genützt! Die Menschen bleiben wie sie sind und die Politik auch. Ihr als Studenten müßt das doch wissen; ihr seid doch intelligent. Ich will von all dem nichts wissen, wenn man erst anfängt nachzudenken, wird man ja verrückt.“ (Ermittlungsausschußbericht) An die schwangere Witwe des erschossenen Benno Ohnesorg wurde folgender Brief gerichtet: „Liebe Frau Ohnesorg! Der Tod ihres Mannes kann nur noch einen Sinn haben, wenn es Ihnen gelingt, dem Kind, das sie erwarten, klarzumachen, daß sein Vater ein Fehlentwickler war.“

„Wer Ursache und Wirkung verwechselt, macht sich bereits schuldig“

Das Abgeordnetenhaus in Berlin hielt am 8. Juni eine Sondersitzung ab. Man hörte die Worte eines Redners von der menschlichen Tragik, das Rascheln der sich von ihren Plätzen erhebenden Abgeordneten, den Ausdruck des Mitgefühls und des Bedauerns und der Anteilnahme für die Angehörigen fernab der Schuldfrage und den Regierenden Bürgermeister Albertz: „Der tote Student ist hoffentlich das letzte Opfer einer Entwicklung, die von einer extremistischen Minderheit ausgelöst worden ist, die die Freiheit mißbraucht, um zu ihrem Endziel, der Auflösung einer demokratischen Grundordnung zu gelangen…“, und man hörte auch die Zwischenrufe „Sehr richtig! Sehr wahr!“ und wieder den Bürgermeister: „Ich stelle hier fest, wer Ursache und Wirkung verwechselt, macht sich bereits schuldig.“ Man machte sich Sorgen um den Schaden, der dem jungen Bäumchen Demokratie erwachse durch den „Terror“ der Straße, durch die „Anarchie“. Man sprach über das Problem der radikalen Studenten, das gelöst werden müsse. „Dort wo aber Unbelehrbare sind, die nur immer glauben, eine gesellschaftliche Umschichtung durchführen zu müssen, diese Unbelehrbaren sollte man fernhalten, sollte man ausgliedern aus dieser Gemeinschaft und sie zurückgeben an die, von denen sie offenbar Aufträge haben“, äußerte sich der Abgeordnete Theis (SPD). „Wenn der Blinddarm schmerzt und wenn die Qualen nicht mehr auszuhalten sind, dann bleibt nichts anderes übrig, als ihn herauszuoperieren, wenn man das eigene Leben nicht riskieren will“, so der CDU-Abgeordnete Heinschke. Unter dem Beifall des gesamten Berliner Abgeordnetenhauses wurden der SDS und andere linke Studierendenverbände mit den Nazis gleichgesetzt. Den Studierenden schallte die Sprache der Gewalt entgegen.

„Bedingungen und Organisation des Widerstandes“

Am 9. Juni wurde Benno Ohnesorg in Hannover begraben. 200 Autos begleiteten den Sarg in einem Autokorso durch die DDR auf dem Weg in die Heimatstadt Ohnesorgs. Über 10.000 Menschen, überwiegend Studierende, versammelten sich auf dem Friedhof. Nach dem Begräbnis begann ein Kongreß „Bedingungen und Organisation des Widerstandes“ mit über 7.000 Teilnehmern, der binnen einer Woche von den ASten in Berlin und Hannover als Antwort auf die unversöhnliche Haltung des Berliner Senats organisiert wurde. Studentenvertreter, Professoren, Gewerkschafter informierten und diskutierten über die Ereignisse von Berlin, unter ihnen Helmut Gollwitzer, Hartmut von Hentig, Wolfgang Abendroth, Peter Brückner und Erich Kuby. Kuby zeichnete mit seinem Gewicht als anerkannter Publizist in einer minutiösen Chronik dem staunenden Publikum die Ereignisse des 2. Juni nach und zeigte Punkt für Punkt die Fehlinformationen, Halbwahrheiten, Verdrehungen und Lügen in den zahllosen Versionen der Berliner Behörden auf. Fast fünf Stunden wird darüber diskutiert, was in den nächsten Wochen in Berlin und in der BRD zu tun sei. Auf dem Kongreß verteilte der SDS-Bundesvorstand eine Erklärung „Niederlage oder Erfolg der Protestaktion“, in der die Situation an den Hochschulen genauer analysiert wird. Folgende Thesen stellte der SDS auf: „1. Die Auseinandersetzungen zwischen den Studenten einerseits und der Universitäts- und Stadtbürokratie West-Berlin andererseits sind das Ergebnis der Verschärfung der strukturellen Krise der Universität, der Verfestigung autoritärer politischer Machtpositionen in der BRD und West-Berlin und internationaler Erschütterungen… 2. Der auf die Studenten ausgeübte polizeiliche und psychologische Druck droht allen sozialen und politischen Gruppen, die sich nicht widerspruchslos den Leistungsansprüchen und politischen Zwängen des kapitalistischen Systems fügen… 3. Die Proteste der Studenten bleiben ohnmächtig, soweit es ihnen nicht gelingt, sich gesamtgesellschaftlich Rückhalt zu verschaffen und der kapitalistischen Oligarchie in Ökonomie, Öffentlichkeit und Staatsapparat selbst Machtpositionen streitig zu machen… 4. Der SDS fordert die Studenten zur Solidarität mit allen auf, die gegen die wirtschaftlichen, politischen und psychologischen Unterdrückungs- und Ausbeutungsformen des Kapitalismus protestieren und kämpfen…“ Diese Erklärung wurde von allen SDS-Gruppen an den bundesdeutschen Hochschulen in einer Auflage von über 100.000 Exemplaren verteilt und auf Vollversammlungen, Podiumsdiskussionen und Teach-Ins diskutiert.

Auch Jürgen Habermas war auf dem Kongreß anwesend, Repräsentant der Kritischen Theorie, Vertreter der Vor-Dutschke-Generation und skeptischer Beobachter der jungen Provokateure. Hans-Jürgen Krahl, vom SDS Frankfurt, und Rudi Dutschke (Dokumentation der Rede als PDF, Sunzi Bingfa) benutzten die Gelegenheit auch zu einer theoretischen Kontroverse und widersprachen heftig der Analyse von Jürgen Habermas. Er bescheinigte den Studierendenaktionen zwar eine „temporäre Kontrollfunktion“ in einer Demokratie ohne wirkliche Opposition, jedoch keine langfristige Perspektive, da er den Studierenden nicht zutraut, das Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis auszuhalten, und befürchtete baldige Indifferenz, politische Regression oder gar Irrationalismus. Rudi Dutschke entgegnete Habermas: „Die Entwicklung der Produktivkräfte hat einen Prozeßpunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist. Alles hängt vom bewußten Willen der Menschen ab, ihre schon immer gemachte Geschichte endlich bewußt zu machen, sie zu kontrollieren, sie sich zu unterwerfen, das heißt, Professor Habermas, ihr begriffsloser Objektivismus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt!“ Er verteidigt die Methode der Provokation, die kein hirnloser, verzweifelter Aktionismus sei: „Wir hatten in monatelanger Diskussion theoretisch herausgearbeitet, daß die bürgerliche Demokratie, in der wir leben, sich gerade dadurch auszeichnet, daß sie es dem Lord gestattet, mit seinem Hund spazierenzugehen und so auch den Vietnam-Protesten den Weg zur Verfügung stellt und die Kanalisation des Protestes durchführt. Aus dieser theoretischen Einschätzung der Integrationsmechanismen der bestehenden Gesellschaft ist für uns klargeworden, daß die etablierten Spielregeln dieser unvernünftigen Demokratie nicht unsere Spielregeln sind, daß der Ausgangspunkt der Politisierung der Studentenschaft die bewußte Durchbrechung dieser etablierten Spielregeln durch uns sein mußte.“

Außerdem schlug Rudi Dutschke vor, eine Demonstration gegen das Demonstrationsverbot in Berlin anzumelden und, sollte sie nicht genehmigt werden, überall in der BRD Aktionszentren zu bilden, um „Kampfmaßnahmen“ zu beraten, wie nach dem 2. Juni in Berlin. Auf Nachfrage erklärt Rudi, unter Kampfmaßnahmen verstehe er „passive Protest-Sitzstreik-Aktionen“. Kurz danach reiste Rudi Dutschke ab. Jürgen Habermas saß schon gegen Mitternacht im Auto, als er befürchtete, da meint einer mehr als Sitzstreik, wenn er von Kampfmaßnahmen spricht und eilte zurück in die Halle. Er habe Grund, sagte er ins Mikrophon, den von Dutschke gepredigten Voluntarismus „linken Faschismus“ zu nennen. Buhrufe, Beifall und Pfiffe mischen sich, Habermas ist sich unsicher und formuliert um: „Ich hätte gerne geklärt, ob Dutschke nun willentlich die manifeste Gewalt herausfordert nach den kalkulierten Mechanismen, die in diese Gewalt eingebaut sind, und zwar so, daß er das Risiko von Menschenverletzung, um mich vorsichtig auszudrücken, absichtlich einschließt oder nicht.“ Dutschke kann Habermas nicht mehr erwidern. Das böse Wort des linken Professors vom linken Faschismus ist gefallen und findet sich ab jetzt im Repertoire der Journalisten, die über die Studierenden schreiben.

„Der Senat fühlt sich ertappt“

Angesichts der Nichtbeachtung der vom Senat angeordneten Maßnahmen durch die Studierenden blieb dem Senat nur noch das Mittel der Androhung weiterer Maßnahmen. „Der Senat betrachtet das generelle Demonstrationsverbot als nicht mehr ausreichend, um die gespannte Lage in der Stadt zu bereinigen. Das teilte heute früh ein Senatssprecher dem ‚Abend‘ mit. Es seien bereits konkrete Maßnahmen im Senat erörtert worden, um die Situation zu klären. Dieser Katalog wird im Moment noch nicht mitgeteilt, selbst der Akademische Senat der Freien Universität wurde vom Regierenden Bürgermeister Albertz in der gestrigen Sitzung darüber nicht unterrichtet.“ (Der Abend, 5.6.67) Dem Senat blieb als weitergehende Maßnahme nur noch die Verhängung des Ausnahmezustandes, was aber nicht ohne das Eingreifen der Alliierten geht. Die Fiktion, daß Berlin, der Vorposten der Freiheit, eine autonome politische Vertretung besitze, hätte dann aber nicht mehr aufrechterhalten werden können. Es blieb nur noch der ungeordnete Rückzug. „Innensenator Büsch teilte am Montag mit, daß der Senat kein generelles Demonstrationsverbot für Berlin erlassen habe, sondern nur gegenwärtig angesichts der Umstände keine Genehmigung für Demonstrationen erteilt werde.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.6.67) „Justizsenator Hoppe betonte gestern, in Berlin bestehe kein Demonstrationsverbot. Die Formulierung ‚Verbot‘ sei von der Presse und von Senatsmitgliedern gebraucht worden. Sie sei ‚unglücklich‘ gewählt. Wie Hoppe erläuterte, würden alle Anträge auf Demonstrationen zur Zeit unter Berücksichtigung der besonderen Situation nach dem 2. Juni Fall für Fall geprüft.“ (DIe Welt, 13.6.67) „Ich habe wiederholt deutlich gemacht und sage das hier noch einmal, daß der Senat die Demonstrationsfreiheit rückhaltlos bejaht.“ (Innensenator Büsch am 12.6.67) Am 13. Juni wurde überraschend die studentische Demonstration „Gegen das Vorgehen der Polizei und der politischen Instanzen“ vom Senat genehmigt.

Die Auflage, für je 50 Demonstranten einen Ordner zu stellen, wurde von den etwa 5000 Studenten karikiert, indem je 50 durch Armbinden gekennzeichnete Ordner einen Demonstranten begleiteten, der sich durch ein großes Pappschild als solcher auswies. Rechtsanwalt Horst Mahler, Leiter des studentischen Ermittlungsausschusses, faßte am 19. Juni in der Technischen Universität die Konsequenzen aus der Haltung des Senats zusammen: „Ich habe mir noch einmal die Rede von Herrn Albertz angehört, und er hat gesagt: ‚Wir werden Schnellgerichte einrichten’… und: ‚Wir haben ein generelles Demonstrationsverbot verhängt’… Wenn man einen Demokraten mitten in der Nacht weckt und ihn fragt, ob er nach seinem geläuterten demokratischen Empfinden ein absolutes oder generelles Demonstrationsverbot für rechtens hält, dann wird er wahrscheinlich im Schlaf noch sagen ‚Natürlich nicht‘. Und daß sich hier der Senat jetzt darauf hinausreden will, das war ja gar nicht so gemeint, das war ja nur ein Irrtum, vielleicht weil die Juristen gerade im Weekend waren, so ist das eine Posse, die wirklich nicht in den tragischen Hintergrund dieser Ereignisse hineinpasst. Es wurde hier mit fast beschwörender Geste um Vertrauen geworben. Ich möchte auf folgendes hinweisen. Wenn man sich vergegenwärtigt, in welcher Atmosphäre in dieser Stadt und anderswo Politik gemacht wird, dann darf man nicht in den Fehler verfallen, daß die Herren im Schöneberger Rathaus ihre Entscheidungen in der Stimmung getroffen haben, in der sich vielleicht die Demonstranten befunden haben, nachdem sie verbleut worden waren. Diese Herren kalkulieren politische Situationen möglicher Spannungsfälle im voraus und entscheiden nüchtern, abwägend und waren durchaus in der Lage, hier die rechtlichen Gesichtspunkte, so wie sie sich zwingend aus dem Grundgesetz ergeben, in ihr Kalkül einzubeziehen. Wenn man das berücksichtigt, dann muß man zu der Schlußfolgerung kommen, daß die jetzt etwas unsichere und beinahe klägliche Haltung des Senats das Resultat dessen ist, daß hier die Studenten und mit ihnen ein Teil der Presse, insbesondere in Westdeutschland, dem Senat auf die Finger geschlagen hat. Sie fühlen sich hier, und das zu Recht, ertappt. Ihre Rechnung ist nicht aufgegangen, und ich glaube, diejenigen, die das zu verantworten haben, verdienen kein Vertrauen.“

„Keine Anhaltspunkte“

Die Regierungskrise in Berlin spitzte sich immer mehr zu. Mitte September trat der für den Polizeieinsatz am 2. Juni verantwortliche Innensenator Wolfgang Büsch zurück, eine Woche später wurde Polizeipräsident Duensing frühzeitig in Pension geschickt, und vier weitere Tage später, am 26. September 1967, trat der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz nach nur 287 Tagen Amtszeit zurück. Am 21. November 1967 verließ Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras den Gerichtssaal als freier Mann. Die 14. Große Strafkammer beim Landgericht Moabit sprach den Todesschützen des Studenten Benno Ohnesorg von der Anklage der fahrlässigen Tötung frei. Das Gericht erklärte, es gebe „keine Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Tötung oder eine beabsichtigte Körperverletzung durch einen gezielten Schuß“. Der Student Fritz Teufel, der eines Steinwurfs vor der Oper verdächtigt wurde, saß weiterhin in Untersuchungshaft. Am 27. November sollte der Prozeß gegen ihn eröffnet werden. Am 23. November fand im große Hörssal der TU Berlin eine Anti-Springer-Veranstaltung statt, bei der Rudi Dutschke zur Demonstrationsteilnahme gegen den „Terror-Prozeß“ aufrief, um eine Verurteilung von Fritz Teufel zu verhindern.

Die Polizei hatte das Kriminalgericht weiträumig abgesperrt und erwartete die 600 Demonstranten, an der Spitze Rudi Dutschke, mit 750 Beamten, 6 Wasserwerfern, Spanischen Reitern und Lautsprecherwagen. Dennoch gelang es den Demonstranten kurzzeitig, die Polizeikette zu durchbrechen. Die Studenten, die mit Sprechchören wie „Teufel raus, Kurras rein“ die Sperrgitter wegzuräumen begannen, hatten aber nicht die geringste Chance, das Gerichtsgebäude zu stürmen, als die Wasserwerfer einsetzten und schlagstockschwingende Polizisten den Demonstranten zu Pferde nachsetzten. Im Januar 1968 wurden von 92 Verfahren gegen Polizeibeamte wegen ihres Verhaltens beim Einsatz vor der Deutschen Oper 82 eingestellt. „Eher geht ein Rindvieh durchs Schlüsselloch, als daß deutsche Beamte an der Glaubwürdigkeit deutscher Beamten zweifelten.“ (Schlußwort von Fritz Teufel in der Hauptverhandlung, vgl. Süddeutsche Zeitung, 16.12.67)

Die ASten kippen nach links

In den folgenden Monaten kippten fast alle ASten der BRD nach links und entwickelten sich von ständisch orientierten Interessenvertretungen hin zu politischen Strukturen, die auf radikale gesellschaftliche Veränderungen zielten. Tausende Studierende beteiligten sich an „Kritischen Universitäten“, an antiimperialistischen Aktionen und an Protesten gegen die Notstandsgesetze, gegen den Krieg in Vietnam und am Boykott gegen die Springer-Presse. Aus einer zunächst emotionalen Protesthaltung formierte sich eine soziale Bewegung, die es wenigstens über eine kurze Zeit lang verstand, die „versteinerten Verhältnisse“ des Kalten Krieges und der organisierten Klassenkämpfe der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein wenig zu verändern.