Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #19 – 05. April 2021

Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #19 – 05. April 2021. Themen in dieser Ausgabe: Die unmögliche Flucht (Sante Notarnicola) – Osterunruhen statt Osterlockdown – “Ich hab’ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm” (Sebastian Lotzer) – „ES LEBE DIE COMMUNE UND MÖGE SIE UNS GLÜCK BRINGEN!” (Toni Negri) – Wollt ihr meine Rosen pflücken? – Die fordistische Stadtplanung: eine Strategie der Gewalt und ihre Krise [Häuserkampf und Klassenkampf Part 9] – Häuserkampf in den Niederlanden: Lucky Luyk [Teil 5] (Riot Turtle).

“Ich hab’ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm”

Sebastian Lotzer

Wenigstens keine neue “Offensive”, kein “Unregierbar”, keine vollmundig verbalradikalen Ankündigungen, stattdessen nun also bunt und divers, der 1. Mai in Berlin soll “familienfreundlich” werden, das Schweinesystem hat versagt, weil es keinen “echten Lockdown” gestemmt bekommen hat, bald kommt die revolutionäre Ausgangssperre. Gruppierungen, die sich nicht zu schade waren, mit Grünen, Linke und SPD Menschenketten zu bilden, verkünden nun mit stolzgeschwellter Brust die Übernahme des Frontblocks. Der 1. Mai in seiner Essenz: Einmal im Jahr die eigene gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit vergessen machen, eine Demo mit 10.000 Menschen anführen. Selber unfähig Geschichte zu schreiben, bietet das Event 1. Mai seit vielen Jahren Gelegenheit sich im historischen Kontext herausputzen zu können. Eitle Selbstgefälligkeit, der die dumpfe Masse, die hinterher latscht, völlig egal ist, so wie der dumpfen Masse selber, die mit dem Wegebier in der Hand irgendwelchen roten oder was auch immer für Fahnen hinterher latscht, eigentlich auch die genauen Bestimmungen des Ganzen ziemlich egal sind. Mensch könnte am 1. Mai auch für niedrige Bierpreise oder kostenlose Bartrasuren demonstrieren, es kämen trotzdem jene 10.000 die Teil des fifteen-minutes-fame framing sein wollen.

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Häuserkampf in den Niederlanden: Lucky Luyk [Teil 5]

Riot Turtle

Nach der Pierson-Räumung in Nimwegen (Teil 4 in der letzten Sunzi Bingfa) im Februar 1981 kehre ich zu den Entwicklungen in Amsterdam zurück. Die ersten 3 Teile zum Häuserkampf in Amsterdam findet ihr hier: 123.

Die Erfahrung mit dem Einsatz der Armee während der Räumung in der Pierson Straße hatte für mich alles verändert. Ich hatte das hässliche Gesicht der sogenannten parlamentarischen Demokratie vor meinen eigenen Augen gesehen. Direkt vor einem Leopard-Panzer zu stehen und die Scharfschützen auf dem Dach zu sehen, ist etwas, das man nicht vergisst. Ich begann zu begreifen, dass wir alles ändern müssen… Im Alter von 15 Jahren.

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„ES LEBE DIE COMMUNE UND MÖGE SIE UNS GLÜCK BRINGEN!”

Toni Negri

Dieser Text erschien in der französischsprachigen Version auf acta zone, wir haben ihn auch deshalb übersetzt, weil er Verbindungen herstellt zu bedeutenden aktuelleren Erhebungen wie die Revolte der 70er in Italien oder die der Gilets Jaunes. Sunzi Bingfa

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Die unmögliche Flucht

Sante Notarnicola

Genosse Sante Notarnicola hat uns im Alter von 82 Jahren am 22. März 2021 verlassen, nachdem er seinen letzten Kampf mit Covid gewonnen hatte. Sante wurde in Castellaneta, in der Gegend von Taranto, Süditalien, am 15. Dezember 1938 geboren. Traurige Jahre, Jahre, in denen der Süden hungerte: Der Faschismus, der Krieg in Afrika, der Krieg in Spanien hatten nichts gelöst, sie hatten die Menschen nur ausgesaugt. Und der zweiten Weltkrieg lag bereits in der Luft.

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Osterunruhen statt Osterlockdown

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke durch Josef Bachmann, der ihn mit dem Ruf „Du dreckiges Kommunistenschwein!“ vor dem SDS Büro am Berliner Kurfürstendamm mit drei Schüsse nieder streckte und als deren Spätfolge Rudi Dutschke am 24. Dezember 1979 einen tödlichen epileptischen Anfall erlitt, breiteten sich die spontanen Proteste zu Ostern 1968 schnell von Berlin aus über das gesamte Bundesgebiet aus. Nicht nur in Berlin kommt es vor dem Springer Hochhaus zu Krawallen, in fast 30 Städten finden Demonstrationen statt, 20.000 Bullen werden landesweit mobilisiert. In Rom fliegen Molotows auf Porsche und – Mercedes Niederlassungen, in London müssen hunderte Bullen die deutsche Botschaft schützen, wütende Demonstranten rufen davor immer wieder “Sieg Heil”. Axel Springer selber flüchtet vorübergehend in die Schweiz. Zu den Geschehnissen in Hamburg nach dem Mordversuch an Rudi Dutschke haben wir einen Text aus den Untiefen der Archive geborgen und stellen ihn bearbeitet online, weil er erstens die deeskalierenden Haltung wesentlicher Strukturen und prominenter Personen aufzeigt, als auch die wahrgenommenen und verpassten Möglichkeiten zur Zuspitzung als auch zum stärkeren Zusammenfinden mit den proletarischen Fraktionen, die sich ebenfalls gegen die herrschende Verhältnisse zu wenden begannen. Sunzi Bingfa

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Wollt ihr meine Rosen pflücken?

Ein zugesandter Beitrag

Ich hatte eine ganz normale Kindheit. Ich bin in einem Einfamilienhaus aufgewachsen, in einem kleinen Ort, in Reichweite einer großen Stadt. Es war eine geborgene Kindheit im Grünen mit einer Familie, großen Garten und viel Spielzeug. Ich bin in einen wunderschönen Kindergarten gegangen und hatte dort genug Freunde, genauso wie in der guten Schule, die ich lange und ehrgeizig besucht habe. Ich zog hinaus in die weite Welt und absolvierte einen Freiwilligendienst in Afrika, machte interkulturelle Erfahrungen, war beliebt und half wo ich konnte. Ich habe mich früh verliebt, wir nahmen es ernst, heirateten in aller Frische und bekamen wenig später ein Kind. Dann schließlich begann ich zu studieren: Kritisch zu Denken; gesellschaftliche Lösungen finden, darum sollte es gehen. Und ich fing an zu meditieren, um ein bisschen Ruhe, aber vor allem mich selbst zu finden. Wenn man mich fragte, was ich mal werden will, sagte ich: „Ich weiß es nicht, mal gucken, was kommt“ und das war normal. Ich wurde Mitglied bei den Grünen und machte ein Praktikum bei der TAZ, war engagiert und trat hier wie dort offene Türen ein.

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Die fordistische Stadtplanung: eine Strategie der Gewalt und ihre Krise [Häuserkampf und Klassenkampf Part 9]

Wir setzen unsere Reihe ‘Häuserkampf und Klassenkampf’ diesmal mit einem etwas kürzeren, aber knackigen Beitrag fort, der erst im letzten Jahr erschienen ist, aber nach unserem Eindruck nicht ausreichend gewürdigt worden ist. Er erschien bei den Genoss*innen von hydra world. Sunzi Bingfa

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Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #18 – 22. März 2021

Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #18 – 22. März 2021 – Themen in dieser Ausgabe: Geboren am 17. November (Dimitris Koufontinas) – Wir sind immer noch hier (Mona Rafea) – Der syrische Aufstand – Eine Bericht aus Daara, wo alles begann – Der Aufbau einer alternativen Zukunft in der Gegenwart: Das Beispiel der syrischen Kommunen (Leila Al Shami) – Häuserkampf in den Niederlanden: Panzer in der Pierson Straße [Teil 4] (Riot Turtle) – Die Psychiatrie in Zeiten von COVID 19 (Sandrine Deloche) – UMKÄMPFTE STADT – THESEN ZU DEN LETZTEN 5 JAHREN (Les Camarades Imaginaires 2012) [Häuserkampf und Klassenkampf Part 8] – Zero Covid – Eine Polemik (Gerald Grüneklee)

Geboren am 17. November

Dimitris Koufontinas

Seit dem 8. Januar 2021 befand sich Dimitris Koufontinas im Hungerstreik, seit dem 22. Februar auch in einem Durststreik. Am 5. März befand sich seine Seele bereits auf der Reise über den Styx, nachdem er ein akutes Nierenversagen erlitt. Auf direkte Anweisung der griechischen Regierung, die von Anfang an fest entschlossen war, seine Forderungen nach Rückverlegung aus dem Hochsicherheitstrakt, in den man ihn sogar gegen geltendes Recht verlegt hatte, nicht zu erfüllen, wurde er von den Ärzten im Lamia Krankenhaus, in das er mittlerweile verlegt worden war, reanimiert. Sein Leben hing nun an einem seidenen Faden, die Absicht der griechischen Regierung war offensichtlich und auch öffentlich proklamiert, selbst seine Entscheidung über seinen eigenen Tod, übers sein Leben, sollte ihm genommen werden. Oder wie einige ehemalige Gefangenen aus der RAF und der Bewegung 2. Juni in einer Solidaritätserklärung schrieben: “Wir kennen die harte Haltung des Staates und seiner Apparate. Wir kennen Zwangsernährung und exzessive Gewalt der Wächter, wir kennen die ‘Koma-Lösung’, das zynisch so genannte ‘Ping-Pong-Spiel’, mit dem man versuchte, uns in einem Zustand zwischen Leben und Tod zu halten in der Hoffnung, dass wir daran zerbrechen”.

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