Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #7 – 19. Oktober 2020

Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #7 – 19. Oktober 2020. Themen in dieser Ausgabe: Das Gesicht und die Maske (Giorgio Agamben), Zwei kleine Geschichten (Cesare Battisti), Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus– Folge 2: Tosia Altman (24. August 1919 – 26. Mai 1943) (Resi Luceti), Die toten Genoss*innen von Stammheim – Die Beisetzung, Pest über Paris [Part1] (Bruno Jasieński), Sperrstunden Totalität (Magazin), Apropos Moria: Die Faschisierung ist hier soweit vorangeschritten, dass es schon längst nicht mehr darum geht den Faschismus aufzuhalten [Part 3], Statement der Anarchistischen Initiative Ljubljana, Dancing In The Rain – L 34 (Sebastian Lotzer).

Dancing In The Rain – L 34

Sebastian Lotzer

Lautstark schiebt sich die Menge durch die enge Gasse in Richtung Hackescher Markt, vorneweg eine knappe Hundertschaft. Pünktlich hat der Nieselregen eingesetzt, die Nässe kriecht durch die Ritzen und Poren, macht die Beine klamm. Die Bordsteinschwalben haben unter einem Vorsprung Unterschlupf gesucht, zücken ihre smartphones, Lächeln im Gesicht, mal was anderes als die immer gleichen Touristenvisagen. Aus den Bereitstellungsräumen strömen weitere Hundertschaften, Bundespolizei und andere Auswärtige. Der erste Fehler: Arroganz. Unterschätze nie einen angeschlagenen Gegner.

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Statement der Anarchistischen Initiative Ljubljana

Dies ist erst der Anfang

Bereits in der Sunzi Bingfa No 5 haben wir einen Bericht zu den Protesten in Slowenien unter den Bedingungen des Pandemie Ausnahmezustandes im Heft gehabt, der u.a. auch auf die geschichtliche Entwicklung dieser Proteste und die Rolle der antiautoritären Linken in diesen Protesten eingegangen ist. Eva Avštand hat für diese Ausgabe eine aktuelle Erklärung der Anarchistischen Initiative Ljubljana übersetzt. Angesichts steigender Fallzahlen auch in Slowenien wird dort erneut der Ausnahmezustand erheblich verschärft, was u.a. auch das Recht sich zu versammeln betrifft. Die Repression der Regierung richtet sich zielgerichtet auch gegen die anarchistischen Gefährt*innen. Zur aktuellen Entwicklung in Slowenien lohnt es sich, der Berichterstattung auf dem Twitter account https://twitter.com/altepunks zu folgen.

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Apropos Moria: Die Faschisierung ist hier soweit vorangeschritten, dass es schon längst nicht mehr darum geht den Faschismus aufzuhalten [Part 3]

Von Lesbos erreichte uns ein weiterer Bericht von Genoss*innen, die sich derzeit dort aufhalten, um die Flüchtlinge vor Ort zu unterstützen.

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Pest über Paris [Part1]

Bruno Jasieński

Wie soll man ein solches Buch ankündigen…? Das doch schon im Titel so viel Verheißung in sich trägt. Vielleicht fangen wir mit dem Autor an, geboren in Polen, wurde er im ersten Weltkrieg zur russischen Armee eingezogen, war Zeuge der Oktober Revolution, kehrte nach Polen zurück, veröffentlichte dort 1920 seine ersten Gedichte, wurde Mitgestalter der ‘futuristischen Bewegung’, deren Gedichte Abende und Konzerte teilweise durch Polizeieinsätze beendet wurden.

Im Folgenden suchte er verstärkt Kontakt zur kommunistischen Bewegung, 1924 ging er als Korrespondent für verschiedene polnischen Zeitungen nach Paris, dort machte er u.a. Theater mit Arbeitern im Pariser Vorort Saint Denis. Nach der Veröffentlichung von ‘Pest über Paris’ als Fortsetzungsroman in L´Humanité wurde er 1929 des Landes verwiesen.

Er kehrte in die Sowjetunion zurück, wo er zuerst gefeiert wurde, u.a. als Chefredakteur für Massenkultur Zeitschriften arbeitete, bevor er erst seine Ehefrau an einen anderen Mann und dann im Juli 1938 seine Freiheit an den sowjetischen Geheimdienst NKWD verlor. Im September 1938 wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet. Obwohl 1955 durch eine Entscheidung des Militär Kollegiums des Obersten Sowjets der UdSSR rehabilitiert, hielt sich bis 1992 die Version, er sei 1937 zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden und dann später in einem sibirischen GULAG gestorben.

So wild und bunt und radikal gegen den Strich wie sein Leben kommt auch die Erzählung ‘Pest über Paris” daher, die wir auszugsweise in zwei Teilen in der Sunzi Bingfa vorab veröffentlichen. Wir danken den Genossen vom Wiener Bahoe Books Verlag für dieses wunderbare Privileg.

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Die toten Genoss*innen von Stammheim – Die Beisetzung

Vor genau 43 Jahre, am Morgen des 18. Oktobers 1977, wurden Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe im siebten Stock des Knastes von Stuttgart Stammheim tot aufgefunden. Irmgard Möller überlebte die Nacht mit vier Messerstichen im Herz schwer verletzt. Von Anfang an sind Teile der radikalen Linken in Deutschland, aber vor allem im Ausland, davon ausgegangen, dass die staatliche Theorie über einen Suizid der Gefangenen nicht zutreffend ist. Irmgard Möller hat wiederholt die These vom Suizid der Gefangenen bestritten. Ehemalige Gefangene aus der RAF, darunter Karl Heinz Dellwo, haben viele Jahre später erklärt, sie verfügten über Informationen, dass die Gefangenen in Stammheim Suizid begangen hätten, verweisen aber auf die Vernichtungshaftbedingungen und darauf, dass die Staatsschutzbehörden sowohl von den Plänen der Gefangenen, sich selbst zu richten, als auch von den eingeschmuggelten Waffen gewusst hätten, aber aus Kalkül nichts unternommen hätten um diese Taten zu unterbinden, ergo treffe den Staat zumindestens eine moralische Schuld an dem Tod der Gefangenen.

Ein letzter juristischer Versuch, Licht in das Dunkel der unzähligen Widersprüchlichkeiten der staatlichen Theorie der Suizide zu bringen, war ein Antrag von Gottfried Ensslin und Helge Lehmann im Jahre 2012, in dem noch einmal detailliert die Widersprüche der staatlichen Darstellung benannt und ein Antrag auf eine Neueröffnung des Todesermittlungsverfahren gestellt wurde. Erwartungsgemäß wurde der Antrag abgelehnt. (1). Bis heute unterliegen wichtige Dokumente zum Geschehen der Geheimhaltung.

Wir haben vier Berichte von der Beisetzung von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe, die im Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID) (1) unmittelbar nach der Beisetzung erschienen sind und die die ganze faschistoide Zuspitzung abbilden, so umgearbeitet, dass sie online gestellt werden können. Bis auf einige wenige Veränderungen in der Rechtschreibung erscheinen die Berichte wie im Original abgedruckt. Sunzi Bingfa

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Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus– Folge 2: Tosia Altman (24. August 1919 – 26. Mai 1943)

Resi Lucetti

Die Serie ‘Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus’ soll Frauen ehren, die Widerstand gegen das NS Regime leisteten und dies oftmals mit ihrem Leben bezahlten. Über diese Frauen ist der Nachwelt kaum etwas bekannt, oftmals finden sich trotz Recherche nur wenige Informationen über ihr Leben und ihren Kampf. Gerade deshalb haben wir uns entschieden, diese Zeugnisse zu veröffentlichen.

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Zwei kleine Geschichten

Cesare Battisti

Anfang September 2020 trat Cesare Battisti in den Hungerstreik (seine Hungerstreikerklärung), um gegen seine fortlaufende Isolationshaft zu protestieren. Gleichzeitig verweigerte er die lebensnotwendige Behandlung seiner medizinischen Therapie (er leidet an chronischer Hepatitis B und Lungeninsuffizienz). Er forderte auch seine Verlegung in einen norditalienischen Knast, um Kontakte zu seiner Familie (er hat einen fünfjährigen Sohn) und zu Freunden pflegen zu können.

Als Reaktion wurde er in die AS2-Hochsicherheitsabteilung des Rossano-Gefängnisses in Kalabrien verlegt. In dieser Abteilung sind militante Islamisten inhaftiert, Cesare erklärte unmittelbar nach seiner Verlegung, dass er nun um sein Leben fürchte, da er in der Zeit seiner Inhaftierung in Frankreich bereits sowohl von Al Qaida als auch von ISIS Gefangenen mit dem Tode bedroht worden war, weil er sich gegen die Unterdrückung der Frauen durch die islamistische Bewegung und für den Kampf der Kurden in Kobane gegen ISIS positioniert hatte.

Cesare Battisti gehörte in den 70ern der italienischen Gruppierung “Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus (PAC)” an, er wurde von den Bullen geschnappt, ihm gelang aber 1981 die Flucht aus dem Knast. Jahrzehntelang konnte er untertauchen, viele Jahre lebte er erst in Frankreich und später in Lateinamerika, bis er nach dem Regierungswechsel in Brasilien 2018 nach Bolivien flüchten musste, wo er von der dortigen Polizei in Zusammenarbeit mit einem Zielfahndungskommando der Italiener festgenommen und Anfang 2019 nach Italien ausgeliefert wurde.

In Knast von Rossano zielt der italienische Staat fast 40 Jahre nach den Taten, die Cesare Battisti zur Last gelegt werden, weiterhin auf die psychische Vernichtung des Gefangenen ab, formal der Isolation der Terrorismusgesetzgebung enthoben, werden ihm weiterhin elementare Mittel zur Kommunikation mit der Außenwelt vorenthalten. Selbst seinen PC enthält man ihm in seiner neuen Zelle vor. In der Einsamkeit der Zelle sucht der menschliche Verstand, der Ort, den wir die Seele nennen, nach Mittel und Wegen nicht zu verzweifeln, sich an das lebenswerte des Lebens zu erinnern, ein jeder, der schon einmal über längere Zeit hinter Mauern verwahrt worden ist, kennt diesen Kampf um die eigene Identität. Wir haben zwei poetische Botschaften übersetzt, die Cesare Battisti uns, die wir tagtäglich wie selbstverständlich in die Welt hinaus spazieren können, jüngst zukommen hat lassen. Sunzi Bingfa

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