Der Wind weht, wo er will

Jeanne Casilas

„Kunst ist wie Feuer, sie wird aus dem geboren, was brennt.“

Jean-Luc Godard

Eine weitere (sinngemäße) Übersetzung aus der von uns hochgeschätzten Lundi Matin. Zeilen wie diese sind es, die uns daran hindern endgültig den Verstand und die Liebe zu den Menschen zu verlieren, bei all der Gleichgültigkeit und Begriffslosigkeit, die uns wie eine Wüste umgibt. Sunzi Bingfa

Wir haben so lange auf das Ende dieser Welt gewartet, wir haben es uns einfach nicht so vorgestellt. Wenn das Ende naht, wenn die Masken fallen, wenn der Lärm des Unsinns den Planeten bedeckt, dann tauchen auch die Stimmen derer auf, denen es in diesem Moment, in der Stille gelingt, vom Leben zu sprechen.

Warum Poesie in Zeiten der Not? Weil allein die Sprache und die Stille, die sie widerhallen lässt, während des Zusammenbruchs, in jenem Gefängnis, die Welt von neuem entstehen lässt. Denn wir haben nicht nur die Welt verloren, wir haben nicht nur Städte, Lebensweisen und Lebensformen verloren, wir haben nicht nur uns selbst verloren, wir haben auch die Möglichkeit verloren, diese Dinge zu sagen.

Als sich unsere Lebensbedingungen verschlechterten und überflüssige Schönheit durch kommerzielle Hässlichkeit ersetzt wurde, verloren wir die Fähigkeit, unsere Umwelt anders als in der eingefrorenen Sprache der Journalisten und der Macht auszudrücken. Je mehr man uns derealisiert und von allem getrennt hat, desto mehr fehlten uns die Worte, weil sie nicht mehr zählten. Der Kapitalismus verordnete, dass nur die Dinge zählen. Welchen Sinn hat es, sie zu benennen?

Die Tatsache, dass sich eine Zivilisation dem Ende zuneigt, macht es möglich, zu vermessen, wie lange sie schon in ihrer Kunst und Kultur am Absterben ist. In den 1990er Jahren beschrieb Deleuze diese Ära als eine Wüste des Denkens, und dies schon seit Ende der 1970er Jahre. Er erklärte, dass es nicht überraschend sei, eine Wüste zu durchqueren, die Geschichte sei von solchen Epochen durchsetzt, unterbrochen von Perioden der Schöpfung. Man kann argumentieren, dass diese Wüste seither nicht aufgehört hat, sich auszudehnen, mit Ausnahme einiger Inseln.

Wir können hoffen, dass mit dem Zusammenbruch jener Welt der Wüste eine Zeit kommen wird, in der all dies – Intelligenz, Kunst, Schöpfung, kritisches Denken – wiedergeboren wird, dass dank bestimmter Umstände viele ehemals separierte Menschen anfangen, gemeinsam zu denken, und dass Bilder entworfen werden, die bis dahin nichts weiter als zerbrechliche und langweilige Skizzen waren. Dann werden wir beginnen, lebenswerte Architekturen zu errichten. Es ist möglich, dass dieser Moment genau jetzt beginnt.

Was Agamben in seinem Artikel “Wenn das Haus brennt” schrieb, geht in diese Richtung:

Etwas hat sich verändert, nicht in dem, was du tust, sondern in der Weise, wie du es in die Welt entlässt. Ein Gedicht, im brennenden Haus geschrieben, ist rechter und wahrer, weil niemand es künftig anhören kann, weil nichts dafür sorgt, wie es den Flammen entkommt. Findet es aber zufällig einen Leser, dann kann dieser sich auf keine Weise dem Anruf entziehen, der ihn aus der wehrlosen, unerklärlichen, sachten Stimme erreicht” (1)

Das Bewusstsein eines historischen Moments, in dem ein Wort ausgesprochen wird, nicht weiß, wohin es führen wird, während es gleichzeitig sicher ist, dass sein Leser, wenn er es findet, nicht taub sein wird, kann nicht die Realität eines isolierten Bewusstseins sein. Agamben, als Philosoph, spricht über seine Stimme hinaus, er öffnet einen Raum. Ein Raum, in dem er sich in seiner Wahrnehmung dessen wiedererkennt, was mit uns geschieht, gegenwärtig, die Beschreibung eines gemeinsamen Territoriums. Er schlägt mehrere Wege, Seins- und Handlungsweisen vor, in einem Text, in dem die zentrale Frage lautet, wie man jetzt, inmitten der Trümmer, leben soll. Sein tiefsinnigster Vorschlag lautet: durch die Sprache:

Was bleibt, wenn das Haus in Flammen steht, ist die Sprache. Nicht die Sprache, sondern die unvordenklichen, prähistorischen, schwachen Kräfte, die sie hüten und in Erinnerung halten. Philosophie und Poesie. Und was hüten sie, was von der Sprache halten sie in Erinnerung? Nicht diesen oder jenen bedeutsamen Satz, nicht diesen oder jenen Artikel des Glaubens oder Irrglaubens. Vielmehr die Tatsache selbst: Es gibt das Sprechen, und ohne Namen sind wir offen im Namen, und in diesem Offenen, in einer Geste, einem Angesicht, sind wir erkennbar und ausgesetzt.

Poesie, das Wort ist das Einzige, was uns geblieben ist aus der Zeit, als wir noch nicht sprechen konnten, ein dunkler Gesang innerhalb der Sprache, ein Dialekt oder Idiom, das wir nicht voll verstehen können, und doch können wir nicht anders, als ihm zu lauschen – auch wenn das Haus in Flammen steht, auch wenn die Menschen in ihrer brennenden Sprache weiterhin daherreden.” (2)

Was Agamben schreibt, impliziert, dass das, was zunächst bleibt, womit wir weitermachen können, die Erinnerung ist. Nicht die Gegenwart. Erinnerung, die in die Sprache der Philosophie und Poesie eingeschrieben ist, die Erinnerung an unsere Kindheit, an das, was sprachlos geblieben ist, an das, was als vergessene Musik übrig geblieben ist, die wieder auftauchen kann. Hören und Poesie können wieder auftauchen, postuliert Agamben, denn „wir können nicht umhin, der Poesie, dem alten Idiom, zuzuhören“.

Wir können nicht umhin, der Sprache zuzuhören, wenn sie sich entfaltet, und zwar jener Sprache, die der Sprache am meisten anhaftet, die der Poesie und die der Philosophie, auch wenn wir dort, in der Sprache, vielleicht sogar überhaupt erst besiegt werden. Von uns selbst und von anderen. Denn wenn wir etwas nicht mehr in Worte fassen können, etwas Komplexes wie die Beschreibung einer Stadt, wenn alles nicht mehr zusammenpasst, wenn unsere Lebenserfahrung uns zwingt, uns nicht mehr zu trauen, die nutzlosen Stunden zu erzählen und die meiste Zeit schweigen, wenn bei dem Versuch, eine Realität durch Worte aufzubauen, diese nicht gehört werden, wenn alles so eingerichtet ist, dass wir den selben Menschen zur selben Zeit dieselben Dinge sagen, dann ist es normal, dass es einen Bruch gibt, dass es schwierig geworden ist, die Welt und die Sprache miteinander zu verbinden. Und dass wir beides aufgegeben haben. Mit der Sprache müssen wir also beginnen oder weitermachen, denn in ihr leben wir oder leben wir nicht, in ihr oder ohne sie sterben wir.

Jetzt, da unser Körper uns entrissen, aufgespürt, kontaktiert und eingesperrt wird, wird es die Sprache sein, die uns überleben lässt. Agamben liefert in seinem Text ein Land, das es zu bewohnen gilt: in der Erinnerung und im Wiederaufleben der Sprache der Kinder und Dichter, der Sprache unserer stummen Lieben und der Worte unserer Freunde. Die Sprache der endlosen Gespräche und die Sprache der Sätze die wir nie ausgesprochen haben.

Die Sätze, die wir schreiben müssen, und die, die wir lesen und niemals sagen werden. Weil das Haus in Flammen steht, können wir endlich sprechen und zuhören. Im Angesicht der Ruinen werden Sprachen geboren oder hinweggefegt.

Es ist vielleicht ein Augenblick der Wahrheit, wenn es nichts mehr zu sehen gibt als einen schweren Schiffbruch, wenn eine gewisse Freiheit des Bewußtseins eintritt, wenn Schein und Kollaboration nicht mehr nötig sind, wenn eine gewisse Loslösung eintritt, vielleicht sogar ein Vertrauen: die Wiedergeburt des Geheimnisses, der Glaube an die Freude des Unbekannten, die Hoffnung auf die Worte, die der Wind weiterträgt.

Fußnoten (1) und (2) :

Der Text von Giorgio Agamben im Original: https://www.quodlibet.it/giorgio-agamben-quando-la-casa-brucia

In der französischen Übersetzung auf Lundi Matin:

https://lundi.am/Quand-la-maison-brule

Auf deutsch (in einer über/bearbeiteten Fassung) in der NZZ:

https://www.nzz.ch/feuilleton/giorgio-agamben-und-corona-zeugnis-ablegen-von-unserer-gegenwart-ld.1583059

Auf englisch bei den Gefährt*innen von ill will editions:

https://illwilleditions.com/when-the-house-is-on-fire/