Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #1 – 27. Juli 2020

Wir haben uns über die vielen Reaktionen auf Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #0 – 13. Juli 2020 gefreut. Heute veröffentlichen wir Sūnzǐ Bīngfǎ Nr. #1 – 27. Juli 2020. In dieser Ausgabe haben wir mehrere Artikel im Zusammenhang mit dem anhaltenden Aufstand in Portland. Andere Themen in dieser Ausgabe, u.a.: Autonomia, Stuttgart, die Geschichte der RAF. Ein Interview mit Richard Gilman-Opalsky und ein Beitrag von Joshua Clover.

Die historische Bedeutung der RAF

Karl-Heinz Roth

Über den bewaffneten Aufbruch in diesem Land ist viel geschrieben worden, vielleicht mehr als über irgendeinen anderen Aspekt der bundesrepublikanischen radikalen Linken. Trotzdem dürfte gerade für jüngere Menschen die RAF in mancherlei Hinsicht doch mehr eine Pop Reminiszenz als eine greifbare historische Erfahrung sein. Auch sind viele wichtige Wortmeldungen verschollen oder dürften nur noch schwer aufzufinden sein. Diese Reihe, die mit einem Beitrag von Karl-Heinz Roth, der Ende der 70iger entstand, beginnt, mag da vielleicht etwas Abhilfe schaffen und einen bescheidenen Beitrag dazu leisten in der überfälligen Diskussion darüber, wie ein grundsätzlicher Bruch mit dem Bestehenden denn zu bewerkstelligen sei. Vor allem erinnert der Beitrag daran, wo die RAF eigentlich her kam, aus der Liebe und der Verbundenheit zu jenen, denen es unter den bestehenden Verhältnissen am beschissensten geht und die keine größere Sehnsucht kennen, als Hoffnung schöpfen zu können, diese Verhältnisse aufzuheben. Und Karl-Heinz Roth beschreibt detailliert, wie diese brüchige Bindung verloren ging, was der RAF vielleicht als einziges am Ende wirklich grundsätzlich vorzuwerfen wäre.

Wir übernehmen den Beitrag unbearbeitet, auch wenn er an der einen oder anderen Stelle heutzutage bestimmt anders formuliert werden würde, z.B. um sich nicht dem Vorwurf einer Relativierung des Nationalsozialismus auszusetzen, bzw. andere Begrifflichkeiten sich durchgesetzt haben. Lediglich einige Rechtschreibfehler haben wir korrigiert. S.L.

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Portland wacht auf

Bild: Z (Instagram)

Misanthrophile

Seit fast 2 Monaten befindet sich Portland im Aufstand. Eine Übersetzung eines Artikels auf Defend PDX.

Portland. Oregon. Am Anfang waren wir viele. Wir waren Tausende. Wir explodierten geradezu auf der Straße, nachdem wir ein Video des Schreckens gesehen hatten, das sowohl befremdlich als auch allzu vertraut war: ein Video eines neunminütigen Mordes, eines Mörders, dem die Bitten des gefesselten Mannes, den er erwürgte und zu Tode quälte, gleichgültig waren. Am helllichten Tag, auf Film gebrannt, ungestraft. Ein weiterer Polizistenmord. Ein weiterer Schwarzer der stirbt.

Als das Video in Umlauf kam, begannen die Dinge zu zerbrechen. Die Herzen. Vertrauen. Zurückhaltung. Geduld.

Glas.

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Die ewige Wiederkehr der Revolte

antikalypse

In meinen schwächeren Momenten – und derer habe ich einige – erscheint mir der wissenschaftliche Marxismus mit all seinen Begleiterscheinungen, dem akademischen Duktus, seinem messianistischem Warten und Hoffen auf den richtigen Zeitpunkt und seinen jederzeit zur Verbürgerlichung bereiten Protagonisten, wie die Aufstandsbekämpfungsmaßnahme, als die er bereits unter dem russischen Zaren als Gegengift zum bewaffneten Anarchismus hofiert wurde. Und doch gehen von ihm gelegentlich Impulse aus, die auch für Freunde des Aufstands von Interesse sein können. Einer dieser Impulsgeber ist zweifellos Richard Gilman-Opalsky, ein US-amerikanischer Professor, der vor allem zu Fragen der radikalen politischen Philosophie lehrt und forscht. Sein Buch „Spectacular Capitalism; Guy Debord and the Practice of Radical Philosophy“ wurde von der Internationalen Herbert MarcuseGesellschaft im Oktober 2011 zum Buch des Monats gekürt, doch vor allem sein 2016 publiziertes Werk „Spectres of the Revolt: On the Intellect of Insurrection and Philosophy from Below“ weckte das Interesse insurrektionalistischer Kreise.

In ihm erörtert Gilman-Opalsky eine Theorie der Revolte, deren Ausgangspunkt die Feststellung ist, dass die Aufstände des 21. Jahrhunderts nicht entscheidend marxistisch oder gar kommunistisch geprägt sind und sein werden, sondern erst in den Aufständen selbst eine neue Philosophie der Praxis von unten entsteht. Angefangen bei der Rebellion der Zapatisten 1994 über die griechische Revolte gegen die Alternativlosigkeit der Politik oder den „Arabischen Frühling“ bis zu den massenhaften Angriffen auf die Normalität rassistischer Unterdrückung in den USA eint sie ein Merkmal – sie entstehen von unten und fernab der etablierten Formen politischer Organisierung.

Ill Will Editions führte mit Gilman-Opalsky ein Interview über antipolitische Politiken, die Kontinuität der Revolte und die George Floyd-Rebellion. Die Übersetzung erfolgte nach bestem Wissen und Gewissen, eventuelle Fehler bitte ich zu entschuldigen. Einige erklärende Fußnoten habe ich hinzugefügt, bei zitierten Texten habe ich, wenn möglich, einen Link zur deutschen Version angegeben.

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Die zwei Politiken: Das bisherige Jahr 2020

Joshua Clover

In der letzten Ausgabe haben wir Achim Szepanski mit seinen Ausführungen zu dem Buch Riot.Strike.Riot von Joshua Clover, dass im Herbst endlich auf deutsch erscheinen wird, zu Wort kommen lassen. In dieser Ausgabe nun die Übersetzung eines aktuellen Textes von Clover selbst zu den Entwicklungen in den USA, den wir sehr kurzfristig in diese Ausgabe hineingenommen und übersetzt haben.

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Anatomie der Autonomia – Italien [Part1]

Franco „Bifo“ Berardi

Mit diesem Beitrag von Franco “Bifo” Berardi setzen wir unsere Reihe über die Bewegungen in Italien von Ende der 60iger bis Ende der 70iger fort. Einer Epoche, die geprägt war von massiven Klassenkämpfen, einer breiten militanten und teilweise bewaffneten Basis, von einem generellen gesellschaftlichen Aufbruch, aber auch von einem historischen Scheitern, dass mit tausenden gefangenen Genoss*innen, tausenden von Menschen, die ins Exil gehen mussten, dem Einsatz von Folter durch den Staat einher ging. Diese Übersetzung folgt der englischsprachigen Version, die im Oktober 2019 auf libcom veröffentlicht wurde. Aufgrund der Länge des Beitrags veröffentlichten wir ihn in mehreren Teilen. S.L.

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Aufruhr-Logistik

Bereits in der letzten Ausgabe haben wir uns mit den “logistischen Fragestellungen” der weltweiten Riots, und den Lernprozessen an- und für einander, konkret bezogen auf HongKong, Chile und die USA beschäftigt. Die Übersetzung des folgenden Artikels, der auf “Into the Black Box” erschien, entwirft sowohl Thesen zur Genese der Aufstände der letzten Jahre, als untersucht auch ihre konkrete Intervention in die Logistik der Macht-und Warenverhältnisse, sowie die Herausbildung einer eigenen Logistik, die besonderen Spezifikationen unterworfen ist. S.L.

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