Azurblau für Cesare Battisti

Sebastian Lotzer

Manchmal ist es notwendig, unvermeidlich, sich abzuwenden, fortzugehen, etwas oder jemanden hinter sich zu lassen. Eine Passion, eine Liebe, eine Gelegenheit, ein Leben. Und manchmal ist es unvermeidlich, noch einmal zurückzukehren, weil noch etwas offen, etwas zu sagen ist, oder eine Geste notwendig erscheint. Vor ein paar Wochen beschloss ich, für einige Zeilen aus dem Nebel zurückzukommen, weil ein alter Gefährte aus den Kämpfen der 80iger, Bernd Heidbreder, im Exil in Venezuela verstorben war und es für mich unvermeidlich schien, einige wenige Worte dazu zu sagen.

„Azurblau für Cesare Battisti“ weiterlesen

Nur Stämme werden überleben

Sebastian Lotzer

Der 1. Mai 1989 in Westberlin. Die für damalige Zeit extrem hohe Anzahl von 1.600 Bullen sind im Einsatz, darunter die neu aufgestellte Sondereinheit EbLT, die auf linken Demo so gewalttätig vorgeht, dass sie nach wenigen Jahren wieder aufgelöst wird, weil sich die brutale Gewalt schlecht verkaufen lässt. Nutzt alles nichts…, an der Revolutionären 1. Mai Demo, die in diesem Jahr das zweite Mal nach dem Kiezaufstand von 1987 stattfindet, nehmen um die 10.000 Leute teil. Es kommt zu diversen Angriffen auf Bullen, kaputten Fensterscheiben und Plünderungen, erst nach zwei Drittel der Route durch Kreuzberg und Neukölln gelingt es den Bullen, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen und entlang der Demo Spalier aufzuziehen, trotzdem kommt es beim Abstrom der Demo von Neukölln nach Kreuzberg zu weiteren zahlreichen kaputten Schaufensterscheiben am Kottbusser Damm. Nach einem kurzen Atemholen beginnen am und rund um den Lausitzer Platz Straßenkämpfe, die sich bis in die Nacht hinziehen. Bulleneinheiten werden wiederholt eingekesselt oder müssen sich in panischer Flucht zurückziehen, am Ende sind ein Viertel der eingesetzten Bullen verletzt, über 150 Polizeifahrzeuge teilweise erheblich beschädigt, bei um die 60 Geschäften sind die Glasfronten zerstört, es entstehen Sachschäden in Millionenhöhe. Trotzdem gelingen den Bullen nur 20 Festnahmen, es ergehen 5 Haftbefehle, 3 Menschen verbleiben in Untersuchungshaft. Es sind die schwersten Krawalle in Westberlin seit 1945.

Sebastian Lotzer hat uns für diese Sonderausgabe zum 1. Mai mehrere Kapitel aus seinem Roman ‘Begrabt mein Herz am Heinrichplatz’ zur Verfügung gestellt, die wir hier wiedergeben. Sunzi Bingfa

„Nur Stämme werden überleben“ weiterlesen

“Ich hab’ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm”

Sebastian Lotzer

Wenigstens keine neue “Offensive”, kein “Unregierbar”, keine vollmundig verbalradikalen Ankündigungen, stattdessen nun also bunt und divers, der 1. Mai in Berlin soll “familienfreundlich” werden, das Schweinesystem hat versagt, weil es keinen “echten Lockdown” gestemmt bekommen hat, bald kommt die revolutionäre Ausgangssperre. Gruppierungen, die sich nicht zu schade waren, mit Grünen, Linke und SPD Menschenketten zu bilden, verkünden nun mit stolzgeschwellter Brust die Übernahme des Frontblocks. Der 1. Mai in seiner Essenz: Einmal im Jahr die eigene gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit vergessen machen, eine Demo mit 10.000 Menschen anführen. Selber unfähig Geschichte zu schreiben, bietet das Event 1. Mai seit vielen Jahren Gelegenheit sich im historischen Kontext herausputzen zu können. Eitle Selbstgefälligkeit, der die dumpfe Masse, die hinterher latscht, völlig egal ist, so wie der dumpfen Masse selber, die mit dem Wegebier in der Hand irgendwelchen roten oder was auch immer für Fahnen hinterher latscht, eigentlich auch die genauen Bestimmungen des Ganzen ziemlich egal sind. Mensch könnte am 1. Mai auch für niedrige Bierpreise oder kostenlose Bartrasuren demonstrieren, es kämen trotzdem jene 10.000 die Teil des fifteen-minutes-fame framing sein wollen.

„“Ich hab’ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm”“ weiterlesen

Geboren am 17. November

Dimitris Koufontinas

Seit dem 8. Januar 2021 befand sich Dimitris Koufontinas im Hungerstreik, seit dem 22. Februar auch in einem Durststreik. Am 5. März befand sich seine Seele bereits auf der Reise über den Styx, nachdem er ein akutes Nierenversagen erlitt. Auf direkte Anweisung der griechischen Regierung, die von Anfang an fest entschlossen war, seine Forderungen nach Rückverlegung aus dem Hochsicherheitstrakt, in den man ihn sogar gegen geltendes Recht verlegt hatte, nicht zu erfüllen, wurde er von den Ärzten im Lamia Krankenhaus, in das er mittlerweile verlegt worden war, reanimiert. Sein Leben hing nun an einem seidenen Faden, die Absicht der griechischen Regierung war offensichtlich und auch öffentlich proklamiert, selbst seine Entscheidung über seinen eigenen Tod, übers sein Leben, sollte ihm genommen werden. Oder wie einige ehemalige Gefangenen aus der RAF und der Bewegung 2. Juni in einer Solidaritätserklärung schrieben: “Wir kennen die harte Haltung des Staates und seiner Apparate. Wir kennen Zwangsernährung und exzessive Gewalt der Wächter, wir kennen die ‘Koma-Lösung’, das zynisch so genannte ‘Ping-Pong-Spiel’, mit dem man versuchte, uns in einem Zustand zwischen Leben und Tod zu halten in der Hoffnung, dass wir daran zerbrechen”.

„Geboren am 17. November“ weiterlesen

Der syrische Aufstand – Eine Bericht aus Daara, wo alles begann

Sebastian Lotzer

Ein paar Jungs, die Parolen gegen den syrischen Präsidenten an einer Mauer anbrachten, ihre Festnahme und Mißhandlung durch die Bullen, eine erste Demonstration von aufgebrachten Angehörigen und Bewohner*innen des Ortes, aus dem sie stammen. Schüsse in die Menge, es gibt Tote. Ein Funke, der zum Steppenbrand wird. Die immer gleiche historische Erzählung. Einer der beteiligten Jungen hat diese Erlebnisse einige Zeit später, als er schon nicht mehr in Syrien, sondern in einem Flüchtlingslager in Jordanien lebte, einem Reporter der BBC erzählt. Sebastian Lotzer hat diesen Schilderungen in seinem Buch “Die schönste Jugend ist gefangen” wiedergegeben und der Sunzi Bingfa anlässlich des 10. Jahrestages des Aufstandes in Syrien für diese Ausgabe zur Verfügung gestellt.

„Der syrische Aufstand – Eine Bericht aus Daara, wo alles begann“ weiterlesen

Nightshift [2] – Welche Farbe hat die Nacht

Sebastian Lotzer

„Das von der Regierung festgelegte Kriterium zur Bestimmung der Farbe unseres Lebens sind 50 Fälle pro 100.000 Menschen pro Woche. Statistisch gesehen ist dies eine extrem niedrige Risikorate von 0,5 Promille. Wie ist es möglich, dass Menschen für ein Risiko, das selbst auf das ganze Jahr hochgerechnet gering bleibt, bereit sind, nicht nur ihre Freiheit aufzugeben, sondern auch alles, was das Leben lebenswert macht: den Kontakt zu anderen Menschen, den Blick in ihre Gesichter, die Erinnerung und die gemeinsam gefeierten Feste? Herr Wärter, welche Farbe hat die Nacht?“

Giorgio Agamben 25. Januar 2021

Nach Tunesien nun die Niederlande, kaum sind die Riots der abgehängte Jugendlichen dort beendet, steht das Rathaus von Tripoli in Flammen. Im Wochentakt fegen die Aufstände durch die brave new world des Pandemie Ausnahmezustand. Man sucht nach Erklärungen. Wenn überhaupt. Rassismus, Polizeigewalt, soziale Missstände, Armut, Hunger… Dabei wäre doch die einzige eigentlich wirklich zu stellende Frage nur, warum nach fast einem Jahr Ausnahmezustand in weiten Teilen der Welt eben jene nicht endgültig komplett in Flammen steht? Warum immer noch so viele den Anordnungen des Empires Folge leisten, wenn auch etliche immer widerwilliger… Die Korruption und Unfähigkeit der politischen Klasse des Libanon ist so offensichtlich, dass selbst die westlichen Medien voller Verständnis für die gewaltsame Revolte der Geknechteten und Unterdrückten sind. Der Rauchpilz der Explosion im Hafen von Beirut, der so fatal an die atomare Apokalypse erinnerte, hat sich in die historische Netzhaut der Menschheitsgeschichte gebrannt.

„Nightshift [2] – Welche Farbe hat die Nacht“ weiterlesen

Winter des Grauens

Sebastian Lotzer

Keine letzte Runde, kein bierschaumfeuchter Männerkuss nach Mitternacht. Kein Blick in alte müde Augen, in denen hinter all den nicht geweinten Tränen noch immer so etwas wie Sehnsucht aufblitzt, das Bedürfnis nach etwas, was den Namen Leben verdient, vielleicht sogar noch einmal Liebe. Keine trunken geteilten Schwüre, dass da noch was kommen muß. Keine trotzige Anekdote, keine Zärtlichkeit, die sich so manches Mal in fast hilflosen, kindlichen Gesten ausdrückt. Nicht einmal ein Tresen an dem man sich festhalten kann. Nur die kalte, nackte Stadt, das verordnete Überleben, der Suizid als letzte Handlungsoption der Rebellion.

„Winter des Grauens“ weiterlesen

2021 – Sternenstaub

Sebastian Lotzer

Die Leute haben ihre Sterne, für jeden sind sie anders. Für manch Reisenden sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts anderes als kleine Lichter. Und wieder andere, für die Gelehrten, sind sie Probleme. Für meinen Geschäftsmann waren sie Gold. Aber alle diese Sterne schweigen. Du aber, du wirst Sterne haben wie niemand anderes …

Der kleine Prinz – Antoine de Saint-Exupéry

„2021 – Sternenstaub“ weiterlesen

12.12.1980 Berlin – Der Tanz beginnt. [Häuserkampf und Klassenkampf Part 2]

Eine verhinderte Hausbesetzung in Berlin Kreuzberg, Gerüchte über eine anstehende Räumung, wenige später liegt Kreuzberg im Tränengas Nebel. Überall Barrikaden, Plünderungen, Kämpfe mit den Bullen. Am nächsten Tag Scherbendemo auf dem Kurfürstendamm, drei Tage Unruhen in der Stadt. Zu Silvester demonstrieren zehntausend Menschen vor dem Frauengefängnis in der Lehrter Straße und dem Männeruntersuchungsknast in Moabit für die Freilassung der bei den Kämpfen Inhaftierten.

Der Berliner Häuserkampf nimmt ordentlich Fahrt auf. Wir veröffentlichen zum Jahrestag der Ereignisse vorab eine Folge unserer neuen Reihe ‘Häuserkampf und Klassenkampf’ auf Sunzi Bingfa. Der Beitrag besteht aus einem Kapitel aus dem Roman “Begrabt mein Herz am Heinrichplatz”, das uns vom Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, sowie einer Chronologie der Tage, die dem Extrablatt der Radikal entnommen wurde, dass wenige Tage nach den Geschehnissen breit in der Stadt verteilt wurde. Das vollständige Extrablatt findet Ihr als PDF hier. Später erscheint noch eine umfangreiche Dokumentation des Berliner Ermittlungsausschusses, die findet ihr hier.

„12.12.1980 Berlin – Der Tanz beginnt. [Häuserkampf und Klassenkampf Part 2]“ weiterlesen