Azurblau für Cesare Battisti

Sebastian Lotzer

Manchmal ist es notwendig, unvermeidlich, sich abzuwenden, fortzugehen, etwas oder jemanden hinter sich zu lassen. Eine Passion, eine Liebe, eine Gelegenheit, ein Leben. Und manchmal ist es unvermeidlich, noch einmal zurückzukehren, weil noch etwas offen, etwas zu sagen ist, oder eine Geste notwendig erscheint. Vor ein paar Wochen beschloss ich, für einige Zeilen aus dem Nebel zurückzukommen, weil ein alter Gefährte aus den Kämpfen der 80iger, Bernd Heidbreder, im Exil in Venezuela verstorben war und es für mich unvermeidlich schien, einige wenige Worte dazu zu sagen.

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„Wenn nötig, werde ich meinen Hungerstreik bis zu meinem letzten Atemzug fortsetzen“. Ein Brief von Cesare Battisti aus dem Gefängnis von Rossano

Cesare Battisti

Es gibt Texte, die übersetzt man nicht ohne Tränen in den Augen, ohne dieses Gefühl von Beklemmung in jener Region, in der das Herz angesiedelt ist. Cesares Situation im Trakt ist unerträglich, seine Haltung, diese Situation nicht länger hinzunehmen, ist so entschlossen wie man es sich nur vorstellen kann. Er wirft sein ganzen Leben in die Waagschale, das letzte Mittel was ihm noch geblieben ist. Wir hatten ja schon einige Beiträge von ihm im Heft, alles was es zu seiner Entführung nach Italien, seiner Isolation im Hochsicherheitstrakt inmitten von islamistischen Faschos zu sagen gibt, kann nachgelesen werden. Was es jetzt braucht, ist gelebte Solidarität und Aktionen, die Druck auf den italienischen Staat aufbauen. Wir alle werden im historischen Gedächtnis der Klassenkämpfe auch immer danach beurteilt werden, wie wir es mit unseren in die Hände des Feindes gefallenen Genoss*innen gehalten haben. Dimitris hat uns und unsere Liebe und Wut gebraucht, jetzt braucht Cesare Battisti uns. Sunzi Bingfa

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Cesare Battisti im Hungerstreik

Wie seine Familienangehörigen mitteilten befindet sich Cesare seit einigen Tagen im Hungerstreik. Seit Monaten in Totalisolation im Trakt im Knast in Kalabrien gehalten, weil seine einzigen Mitgefangenen dort islamistische Terroristen sind. Cesare hat wiederholt seine Verlegung gefordert, weil er mehrfach von Islamisten mit dem Tode bedroht wurde und er seine Angehörigen praktisch nicht sehen kann. Eingesperrt 40 Jahre nach Taten, für die er selbstkritisch die politische Verantwortung übernommen hat, wird ihm von den Behörden eine besondere Gefährlichkeit unterstellt, um die Rache des Staates zu exekutieren.

Cesare muss raus aus dieser Situation, die auf seine Vernichtung abzielt

Kurz vor Beginn seines Hungerstreiks hat er dies noch einmal in einem Brief Ende Mai an die zuständigen Behörden gefordert und erneut darauf hingewiesen, dass er sich faktisch seit 27 Monaten in Totalisolation befindet. 

Es folgt die Übersetzung eines Briefes von ihm, der jüngst am 6. Juni 2021 auf Carmilla erschien und während seines letzten Hungerstreiks im Herbst 2020 verfasst wurde. Wir weisen an dieser Stelle auch nochmal auf den Beitrag ‘Kalabrisches Guantanamo’ hin, den wir in der letzten Ausgabe der Sunzi Bingfa veröffentlicht haben und in dem Cesare ausführlich auf seine politische Geschichte eingeht. 

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Kalabrisches Guantanamo

Cesare Battisti

Vieles was dieser von uns übersetzte aktuelle Brief von Cesare Battisti enthält, wird regelmäßigen Leser*innen der Sunzi Bingfa bekannt vorkommen. Wir veröffentlichen ihn trotzdem aus zwei Gründen. Erstens, weil jeder Brief aus dem Knast, besonders aus den Isolationstrakten, es wert ist, geteilt zu werden. Und zweitens vor dem Hintergrund des repressiven Vorgehens der französischen Justiz gegen dort seit Jahrzehnten im Exil lebende italienische Militante aus den Kämpfen der 70iger. Wir hatten ja schon in der letzten Sunzi Bingfa einen Beitrag dazu. Die ‘Soligruppe für Gefangene’ hat zwei Beiträge die zu der Repression auf Lundi Matin erschienen sind, ins deutsche übersetzt. Ihr findet sie hier und hier. Der Staat vergisst nie, vor allem nicht seine erbittertsten Feinde, eine wichtige Lektion.

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„Wie ich entführt wurde“

Cesare Battisti

Wir haben schon mehrmals in der Sunzi Bingfa Texte von Cesare Battisti veröffentlicht, bzw. auf die Umstände seiner Inhaftierung hingewiesen (Eins | Zwei | Drei | Vier). Hier nun einige weitere Zeilen, die u.a. als Antwort auf die Fragen von zwei Journalisten auf Lundi Matin veröffentlicht wurden. In ihnen benennt er auch den Verrat der “antiimperialistischen” Regierung von Evo Morales, die ihn entgegen voriger Zusagen an seine italienischen Häscher überstellt hat und setzt sich erneut mit der historischen Verantwortung eines jener Individuen auseinander, das als Teil der Massenbewegung des Italiens der 70er Jahre zur Waffe gegriffen hat.

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Bis zum Ende

Cesare Battisti

„Ich bin nicht finster. Seht ihr das nicht? Ich beleuchte die Vergangenheit und die Zukunft vor dem Hintergrund einer schwarzen Gegenwart.“

Faraj Bayrakdar

Unser Genosse Cesare Battisti ist nach wie vor Angriffen der Knast Direktion ausgesetzt, hinter dem zu Recht weitergehende politische Interessen und Verantwortliche vermutet werden können. Wir haben ja schon in der Sunzi Bingfa auf seine Situation hingewiesen.

Aus dem Knast, aus der Isolation, erreichte ein weiterer Brief die italienischen Genossen*innen, den wir übersetzt haben. Er weist darin jede Anwandlung, sich das Leben nehmen zu wollen zurück, für den Fall aller Fälle. Man kennt das ja, die geselbstmordeten Gefangenen. Cesare muss aus dem Knast, seine “Taten” liegen 40 Jahre zurück, der politischen Kontext der Klassenkonfrontation, in denen die Aktionen stattfanden ist schon lange Geschichte. Es gibt eine Seite, auf der Informationen zu seiner Situation gesammelt werden, leider auf facebook, wir wollen trotzdem darauf hinweisen: La vendetta dello Stato: il caso Cesare Battisti . Es folgt ein Video von brasilianischen Gefährt*innen, die seinerzeit gegen eine Auslieferung von Cesare nach Italien gekämpft haben und der übersetzte Brief. Sunzi Bingfa

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Zwei kleine Geschichten

Cesare Battisti

Anfang September 2020 trat Cesare Battisti in den Hungerstreik (seine Hungerstreikerklärung), um gegen seine fortlaufende Isolationshaft zu protestieren. Gleichzeitig verweigerte er die lebensnotwendige Behandlung seiner medizinischen Therapie (er leidet an chronischer Hepatitis B und Lungeninsuffizienz). Er forderte auch seine Verlegung in einen norditalienischen Knast, um Kontakte zu seiner Familie (er hat einen fünfjährigen Sohn) und zu Freunden pflegen zu können.

Als Reaktion wurde er in die AS2-Hochsicherheitsabteilung des Rossano-Gefängnisses in Kalabrien verlegt. In dieser Abteilung sind militante Islamisten inhaftiert, Cesare erklärte unmittelbar nach seiner Verlegung, dass er nun um sein Leben fürchte, da er in der Zeit seiner Inhaftierung in Frankreich bereits sowohl von Al Qaida als auch von ISIS Gefangenen mit dem Tode bedroht worden war, weil er sich gegen die Unterdrückung der Frauen durch die islamistische Bewegung und für den Kampf der Kurden in Kobane gegen ISIS positioniert hatte.

Cesare Battisti gehörte in den 70ern der italienischen Gruppierung “Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus (PAC)” an, er wurde von den Bullen geschnappt, ihm gelang aber 1981 die Flucht aus dem Knast. Jahrzehntelang konnte er untertauchen, viele Jahre lebte er erst in Frankreich und später in Lateinamerika, bis er nach dem Regierungswechsel in Brasilien 2018 nach Bolivien flüchten musste, wo er von der dortigen Polizei in Zusammenarbeit mit einem Zielfahndungskommando der Italiener festgenommen und Anfang 2019 nach Italien ausgeliefert wurde.

In Knast von Rossano zielt der italienische Staat fast 40 Jahre nach den Taten, die Cesare Battisti zur Last gelegt werden, weiterhin auf die psychische Vernichtung des Gefangenen ab, formal der Isolation der Terrorismusgesetzgebung enthoben, werden ihm weiterhin elementare Mittel zur Kommunikation mit der Außenwelt vorenthalten. Selbst seinen PC enthält man ihm in seiner neuen Zelle vor. In der Einsamkeit der Zelle sucht der menschliche Verstand, der Ort, den wir die Seele nennen, nach Mittel und Wegen nicht zu verzweifeln, sich an das lebenswerte des Lebens zu erinnern, ein jeder, der schon einmal über längere Zeit hinter Mauern verwahrt worden ist, kennt diesen Kampf um die eigene Identität. Wir haben zwei poetische Botschaften übersetzt, die Cesare Battisti uns, die wir tagtäglich wie selbstverständlich in die Welt hinaus spazieren können, jüngst zukommen hat lassen. Sunzi Bingfa

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Auf der Haut von Primo Levi

Cesare Battisti

Cesare Battisti gehörte in den 70igern der italienischen Gruppierung “Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus (PAC)” an, er wurde von den Bullen geschnappt, ihm gelang aber 1981 die Flucht aus dem Knast. Jahrzehntelang konnte er untertauchen, viele Jahre lebte er in Lateinamerika, bis er nach dem Regierungswechsel in Brasilien 2018 nach Bolivien flüchten musste, wo er von der dortigen Polizei in Zusammenarbeit mit einem Zielfahndungskommando der Italiener festgenommen und Anfang 2019 ausgeliefert wurde.

Gegen seine Auslieferung nach Italien mobilisierten vor allem französische Genoss*innen, Cesare hatte wie viele, die Ende der 70iger, Anfang der 80iger aus Italien fliehen musste, eine Zeitlang Exil in Frankreich gefunden. Cesare hat aus dem Knast heraus viele Texte zur gesellschaftlichen Entwicklung, zur Situation in den Knästen und auch jüngst zum Pandemie Ausnahmezustand veröffentlicht. Einige davon liegen auf deutsch vor (1) (2), hier nun eine weitere Übersetzung. Sunzi Bingfa

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